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dasselbe gleichfalls als an dem Erhabenen teilnehmend empfinden und betrachten müssen. Beispiele ähnlicher Art, wie bei den dramatischen Dichtern fänden sich auch in der bildenden Kunst. Dies führt er in einem späteren Brief an Zelter ¹) aus:„Ein mächtiger Adler, aus Myrons oder Lysippus Zeiten, läßt sich so eben, zwey Schlangen in den Klauen haltend, auf einen Felsen nieder; seine Fittige sind noch in Thätigkeit, sein Geist unruhig, denn jene beweglich widerstrebende Beute bringt ihm Gefahr. Sie umringeln seine Füße, ihre züngelnden Zungen deuten auf tödliche Zähne. Dagegen hat sich auf Mauergestein ein Kauz nieder- gesetzt, die Flügel angeschlossen, die Füße und Klauen stämmig, er hat zwey Mäuse gefaßt, die ohnmächtig ihre Schwänzlein um seine Füße schlingen, indem sie kaum noch Zeichen eines piepsend abscheidenden Lebens bemerken lassen. Man denke sich beide Kunstwerke neben einander! Hier ist weder Parodie noch Travestie, sondern ein von Natur Hohes und von Natur Niederes, beides von gleichem Meister im gleich erhabenen Styl gearbeitet; es ist ein Parallelismus im Gegensatz, der einzeln erfreuen und zusammengestellt in Erstaunen setzen müßte.“— Zu ähnlichen Ergebnissen führe die Vergleichung der Ilias mit Shakespeares Troilus und Cressida, auch hier sei weder Parodie noch Travestie, sondern wie in dem oben beschriebenen Kunstwerke„zwey Naturgegenstände einander gegenüber gestellt waren, so hier ein zwiefacher Zeitsinn. Das griechische Gedicht im hohen Styl, sich selbst darstellend, nur das Nothdürftige bringend und sogar in Beschreibungen und Gleichnissen allen Schmuck ablehnend, auf hohe mythische Ur-Oberlieferungen sich gründend, das englische Meisterwerk dagegen darf man betrachten, als eine glückliche Umformung, Umsetzung jenes großen Werkes in's Romantisch-Dramatische.“—
In der Beilage zu einem Briefe an Chr. W. Beuth*) kommt Goethe noch einmal auf denselben Gegenstand zu sprechen.„Vorstehendes,“ so schreibt er,„gehört eigentlich zu einem Aufsatz über den Cyclops des Euripides, worin man darzuthun suchte daß in den Satyrspielen der Alten nicht sowohl um Karikiren und Erniedrigen höherer Naturen zu thun gewesen, sondern daß man vielmehr heroische Gestalten in solche Lagen versetzt, worin sie sich deplacirt gefühlt und in Gefahr gekommen lächerlich zu werden, wie denn wirklich in obgedachtem Spiele der verschlagene kunstgewandte Redner Ulysses gegen den plumpen Natursohn Polyphem sich gar komisch ausnimmt.“
Sehr oft finden sich in Goethes Briefen, wie wir schon gesehen haben, Urteile, die sich auf Aristoteles beziehen, zu dem er zunächst wegen seiner Poetik, später aber auch durch seine naturwissenschaftlichen Schriften immer wieder hingeführt wurde. In mehreren Briefen an Zelter kommt er auf den Stagiriten zu sprechen, so schreibt er: ²)„Die Vollendung des Kunstwerks in sich selbst ist die ewige unerläßliche Forderung! Aristoteles, der das Voll- kommenste vor sich hatte, soll an den Effekt gedacht haben! welch ein Jammer! Stünden mir jetzt, in ruhiger Zeit, jugendlichere Kräfte zu Gebot, so würde ich mich dem Griechischen völlig ergeben, trotz aller Schwierigkeiten die ich kenne; die Natur und Aristoteles würden mein Augenmerk seyn. Es ist über alle Begriffe was dieser Mann erblickte, sah, schaute, bemerkte, beobachtete, dabei aber freylich im Erklären sich übereilte.“
Vor allem war es die Katharsisfrage, ein Problem, dessen Lösung erst Bernays in unserer Zeit näher gekommen ist, die Goethe sein ganzes Leben beschäftigt hat. Schon
¹) d. 25. Aug. 1824.*²) d. 13. Juni 1827. ²) d. 29. März 1827.


