Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

34

Arbeiten von den Fachleuten und Zunftgelehrten nicht recht beachtet wurden. Als er an Zelter das Neueste aus seiner Morphologie sandte, fügte er die Verse hinzu: ¹)

Anders lesen Knaben den Terenz

Anders Grotius.

Mich Knaben ärgerte die Sentenz,

Die ich nun gelten lassen muß. Er fügt dem hinzu:Lese ich heute den Homer, so sieht er anders aus als vor zehen Jahren; würde man dreyhundert Jahre alt, so würde er immer anders aussehen. Um sich hievon zu überzeugen blicke man nur rückwärts, von den Pisistratiden bis zu unserm Wolf schneidet der Allvater gar verschiedene Gesichter. Er will sich hiermit wohl trösten und sagen, daß noch einmal eine Zeit kommen wird, wo man seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten Gerechtigkeit widerfahren lassen wird.

Wie Goethe fast sein ganzes Leben hindurch rege Teilnahme allen Zweigen der Natur- wissenschaft entgegengebracht hat, so hat er auch stets seine besondere Aufmerksamkeit dem Wetter gewidmet. Ja, er glaubte den Schlüssel zu allen Wettererscheinungen zu haben. In einem sehr langen Briefe an Zelter²) gibt er gewissermaßen eine Theorie seiner Wetter- lehre und fügt dann einige allgemeine Bemerkungen hinzu. So z. B. S. 12:Wenn man die Probleme des Aristoteles ansieht, so erstaunt man über die Gabe des Bemerkens und für was alles die Griechen Augen gehabt haben. Goethe behauptet dann aber, sie hätten den Fehler der Ubereilung begangen, da sie von dem Phaenomen unmittelbar zur Erklärung ge- schritten wären, eine Ansicht, die er auch sonst auspricht. so z. B. in den Worten:Aristoteles hat die Natur besser gesehen als irgend ein Neuerer, aber er war zu rasch mit seinen Meinungen.³) Dadurch wären ganz unzulängliche theoretische Aussprüche zum Vorschein gekommen. Aber auch heute noch begehe man denselben Fehler.

Sehr beachtenswerte Gedanken finden wir in den Briefen der letzten Jahre über die Parodie, Travestie und Karikatur. So schreibt er an Zelter,) daß er ein Todfeind von allem Parodieren und Travestieren sei, und zwar deshalb,weil dieses garstige Gezücht das Schöne, Edle, Große herunterzieht um es zu vernichten; ja selbst den Schein seh ich nicht gern da- durch verjagt. Die Alten und Shakespeare setzen an die Stelle dessen was sie uns zu rauben scheinen wieder etwas höchst Schätzenswerthes, Würdiges und Erfreuliches. Von seinen Jünglingsjahren habe er getrachtet, sich mit griechischer Art möglichst zu befreunden, und zuverlässige Männer hätten ihm gesagt, daß es ihm auch wohl gelungen sei. Den Euripideischen Herkules hätte er dem modernen entgegengesetzt. Er denkt dabei an seine Farce Götter, Helden und Wieland, in der er die moderne Darstellung des Herkules in Wielands Alceste verspottet hätte. Er sei in diesem Bestreben dann fünfzig Jahre fortgeschritten und er habe jenen Leitfaden der Griechen nie aus der Hand gelassen. Mit den Satyrspielen der Griechen hätte er sich zunächst nicht befreunden können. Erst durch den Cyclops des Euripides hätte er ihren Sinn erkannt und sei bekehrt worden. Sie wären keineswegs Possenspiele, auch weder Parodie noch Travestie gewesen, die das Hohe, Große, Edle und Gute herunterziehen, vielmehr werde das Rohe durch die Gewalt der Kunst dergestalt emporgehoben, daß wir

¹) d. 8. Aug. 1822. ¹²) d. 5. Okt. 1828. ²) Brief an Zelter d. 29. März 1827 u. Gespr. m. Hönninghaus d. 1. Okt. 1828.) d. 26. Juni 1824. Dieser Brief stimmt fast wörtlich überein mit d. Abh.Cber die Parodie bei den Alten.