Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
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auch auf Abwege geführt und daß er das Recht der Gegenwart auf eine eigene Kunst ver- kannt hat, muß man zugeben. Ob aber Gervinus recht hat, wenn er sagt, ¹) dadurch, daß Goethe das Altertum so hoch über uns erhoben und unsere neuere Kunst für nichts erklärte, haätte er sich an der christlichen und modernen Kunst und an seiner vaterländischen Sprache versündigt, wage ich nicht zu entscheiden. Zu erklären ist diese seine entschiedene Abneigung gegen die alte vaterländische Kunst wohl daher, weil ihm alle Obertreibung und Unnatur, wie sie sich hier oft findet, aufs tiefste zuwider war. Er ist sonst, wie viele Aussprüche beweisen, der deutschen und anderen Kunstrichtungen gerecht geworden.

Da es aber bisher keinem Volke so wie den Griechen gelungen ist, der Natur nahe zu kommen und wahre Menschen zu schildern, ist es begreiflich, wenn wir, wie es Goethe getan hat, immer und immer wieder sehnsüchtig unsere Augen auf dieses Volk richten, um von ihm die Gesetze der Kunst zu lernen, bei dem zu allem Schönen der Grund gelegt ist. Da sich nicht nur unsere Literatur und Kunst, sondern unser ganzes Geistesleben unter dem nachhaltigsten Einfluß der Antike entwickelt hat, so müssen wir uns der Segnungen bewußt pleiben, die wir dem Altertum verdanken und dürfen nicht aufhören, diesen Grundpfeiler der Kultur hochzuhalten. Wir müssen mit Fr. A. Wolf wünschen:²)daß nicht durch unheilige Hände dem Vaterlande das Palladium der Antike entrissen werde. Die unvergängliche Bedeutung der Antike für die höchsten Menschheitsziele, wenn sie auch nicht, wie Goethe wollte, der alleinige Bildungsfaktor sein soll, darf nicht verloren gehen, sondern das schöne Griechenland soll und muß der Mittelpunkt unserer geistigen Bildung bleiben.

¹) Gesch. d. deutsch. Dicht. 5. S. 103. ²¹) Widmungsschrift an G. 1807.