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Beide großen Philologen, Wolf und Hermann, sahen in Goethe einen Dichter, in dem sich das Griechentum verkörpert hatte, und haben ihm als ihrem größten Bundesgenossen gehuldigt. Wie Wolf ihm,„dém Kenner und Darsteller griechischen Geistes“, sein Werk„Museum der Alterthums-Wissenschaft“ widmete, so hat Hermann ihm seine lateinische Ausgabe der Iphi- genie auf Aulis von Euripides zugeeignet mit den Worten: Goethio Taurica Iphigenia Spiritum Graiae Tenuem Camenae Germanis Monstratori D. G. H.¹)— Goethe schrieb ihm darauf: ²) Hermann hätte ihn oft in jenes heitere Licht- und Tageland versetzt— er meint Griechen- land— und er sei ihm die angenehmsten Augenblicke seines Lebens schuldig. Phaethon, Philoctet, die Urmythologie und so manches andere hätten ihn vielfach beschäftigt, und er sei glücklich, wenn Hermann in seiner Iphigenie ein Echo aus jener Griechenwelt zum besten des Vaterlandes, der Landes- und Zeitgenossen wiederfände. Er bilde sich zwar nicht ein, das eigentliche Verdienst seiner lateinischen Ausgabe der Iphigenie anerkennen zu können, doch freue er sich„eines lebendigen Ahnungsvermögens“, das ihn befähige, in die Sache einzudringen, so weit sie auch im besonderen von ihm abliegen möchte. Dies konnte Goethe mit Recht sagen. Ein Genius wie er konnte tiefer und richtiger in das klassische Altertum eindringen, als andere, die das Griechische und Lateinische bis ins kleinste beherrschen. Die Worte, mit denen Wolf und Hermann ihre Werke Goethe gewidmet haben, sind durchaus richtig und gereichen ihnen selbst wie Goethe zur größten Ehre.
Ebenso hoch wie die griechische Poesie schätzte Goethe die griechische Plastik. Herr- liche Belege hierfür finden sich in seinen Briefen. Mit gewaltigen Zornesworten eifert er, daß„ein wahnsinniger Obscurantismus gern wieder mit frischen Nebeln einer vorsätzlichen Barbarey das Altertum überziehen möchte“. Solche Krankheiten müsse man auswüten lassen, aber man könne doch, indem man sich und seine Freunde in dem anerkannten Rechten bestärkt, auch zugleich manchen guten Jüngling vor der„nicht einmal im Finstern, sondern am lichten Tage schleichenden Seuche bewahren“. ³)
Als ihm eine Freundin, die Malerin Luise Seidler, eine Abteilung des Phigalischen Frieses, in Kreide gezeichnet, zum Geschenk gemacht hatte, schrieb er an seinen Sohn und dessen Frau Ottilie v. Goethe: ¹⁴)„Herkules mit der Amazonen-Königin in Conflict, noch zwey Streit-Paare und zwey Pferde. Eine Elle hoch, nicht gar drey Ellen lang, auf blau Papier, schwarze Kreide, weiß gehöht.... Es ist ein Abgrund von Weisheit und Kraft, man wird sogleich 2000 Jahre jünger und besser.... Dieser blaue, reichbegabte Streifen nimmt sich auf der blaßgelben Wand meiner Zinne, bey vollem Licht gar herrlich aus und macht mich, was viel gesagt ist, glücklich.“ Wie sein Zimmer durch dieses Kunstwerk geziert war, so schmückten es noch andere griechische Kunstwerke, wie er ja auch den Kopf der Juno Ludovisi so aufgestellt hatte, daß er ihn stets vor Augen hatte.
Die Kunst ist nach seiner Ansicht mit der Wissenschaft und mit der Philologie aufs engste verknüpft. So schreibt er an Joh. Aug. Sack: ⁵)„Seit Winckelmanns und seiner Nach- folger Bemühungen ist Philologie ohne Kunstbegriff nur einäugig. Alle mehr oder weniger gebildeten Völker hatten eine zweyte Natur durch Künste um sich erschaffen, die aus Uber-
1) G. Hermann widmet dies Werk Goethe, der durch seine Iphigenie auf Tauris den Deutschen den feinen Geist der griechischen Muse gezeigt hat.*²) d. 12. Nov. 1831. ³) An Chr. Fr. W. Jacobs d. 14. Aug. 1812. ⁴) d. 10. Febr. 1818. ³) Oberpräsident der Rheinprovinz, d. 15. Jan. 1816. S. 221.


