Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

31

keit fehle sagt er z. B. in einem Briefe an Knebel.¹) Als Passow den antiken Schäferroman von Longos Daphnis und Chloe übersetzt und an Goethe geschickt hatte, dankte ihm dieser mit den herzlichsten Worten, daß er dieses vortreffliche Werk, für das er stets eine ganz besondere Vorliebe gefühlt, mit großer Bequemlichkeit genießen könne. ²)

Für keinen Philologen hat Goethe eine so große, sich stets gleichbleibende Hochachtung gehabt, als für Gottfried Hermann. Es ist ein herzerquickender Anblick zu sehen, wie der große Dichter vom großen Gelehrten Gedanken erhält. Hermanns Abhandlung über die Tetra- logien der Griechen wandte er seine ganze Teilnahme zu. Als Hermann das Fragment des Euripides Phaethon herausgegeben hatte, trug sich Goethe lange mit dem Gedanken, die in den Bruchstücken vorhandenen Fäden weiterzuspinnen und dieses und andere Fragmente des Euripides, wie die Bacchantinnen zu vollenden und ins Deutsche zu übersetzen. Dieses erklärte er für sein liebstes Stück,*) von dem er sagte:Kann man die Macht der Gottheit vortrefflicher und die Verblendung der Menschen geistreicher darstellen, als es hier geschehen ist? In Briefen an Riemer und Schultz spricht er mehrfach darüber, ¹) kündigte auch schon ihr Erscheinen an, aber sie sind nie vollendet worden und zwar deshalb nicht, weil, wie Wilamowitz-Moellendorf³) bewiesen hat,die philologischen Berater dem modernen Dichter nur eine des antiken unwürdige Ubersetzung gaben Goethe benutzte die von Göttling undihm nicht, was für jede solche Rekonstruktion unerläßlich ist, mit der Kenntnis von der Manier des Euripides zur Hand gingen. In seinen Briefen äußert sich Goethe mehrmals über diesen seinen Versuch. An Schultz) schrieb er von diesem Stück, Anfang und Ende seien da, die Mitte fehle, es sei unglaublich groß gedacht und nötige uns zum Denken. Er hätte bei dieser Gelegenheit den Euripides wieder vorgenommen und er begreife immer besser, wie Aristophanes ihn hassen und ganz Griechenland ihn verehren konnte. Auch er sei das Geschöpf so wie der Günstling seiner Zeit, vor dem wir uns dann freilich tief zu verbeugen hätten. In einem Gespräche mit Eckermann) spricht Goethe seine Bewunderung für Euripides mit den Worten aus: Wenn Schlegel an Euripides Fehler rügen will,so solle es billig nicht anders geschehen, als auf den Knien. Auch Fragmente des Aeschylos wollte er vollenden. An Zelter schreibt er:*) Durch das Programm von Hermann De Aeschyli Philocteta dissertatio sei er auf drei antike Philoctete aufmerksam gemacht worden, auf das erhaltene Stück von Sophokles und zwei verlorene von Aeschylos und Euripides. Mit Mühe hätte er sich davon losgemacht, denn eine eingehende Betrachtung hätte ihn ein Vierteljahr gekostet, das er nicht mehr nebenher auszugeben habe. Sonst hätte er sich verführen lassen, die verlorenen Stücke wiederherzustellen, zumal ein uralter Lateiner er meint Accius einen Philoctet nach dem Aeschylos geschrieben habe, wovon noch Fragmente übrig seien und woraus sich der alte Grieche einigermaßen restaurieren lasse. Im Anschluß an seine Bemühungen, das Phaethonfragment zu ergänzen, sagt er: ²)Möge die Folgezeit noch einiges von dem Verlorenen wiederbringen. Ich wünsche denen Glück, die es erleben und ihre Augen, auch hierdurch angeregt, nach dem Altertum wenden, wo ganz allein für die höhere Menschheit und Mensch- lichkeit reine Bildung zu hoffen und zu erwarten ist.

¹) d. 10. März 1813.*²) d. 20. Okt. 1811. ²³) Gespr. mit v. Müller u. Riemer d. 19. Okt. 1823, bei Biedermann IV. S. 294.) Gespr. mit Göttling d. 3. März 1832. ³) Hermes 18, 396 434. ⁰⁶) Staatsrat in Berlin, d. 28. Nov. 1821.*) v. 28. März 1827, bei Biedermann VI. S. 82.) d. 30. Mai 1826.*) W. 41. 2. S. 63.