Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
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Cberschriften Aziο, Torn, Egos, AAr, Enis gegeben hat, fünf Begriffe, die wie kaum andere das Menschenleben beherrschen. Goethe hat sich mehrfach über sie in seinen Briefen geäußert. An Nees v. Esenbeck ¹) nennt er sieeine uralte concentrirte Darstellung mensch- lichen Geschicks. An seine Schwiegertochter schreibt er:²)Diese fünf Stanzen eröffnen dem Nachdenken einen unendlichen Raum, und lassen alles, was wir nur erfahren haben, wie in tausendfältigen Spiegeln wiederblicken. Und in einem Briefe an S. Boisserée) nennt er sie uralte Wundersprüche über Menschenschicksal, die, wenn man das diffuse Altertum quint- essenzirt, einen herzerquickenden Becher geben. Ein eigener Zauber von Schönheit und Weisheit ist über diese Verse ausgegossen:

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,

Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,....

So mußt Du sein, dir kannst Du nicht entfliehen,

So sagten schon Sibyllen und Propheten... usw. Auch die tiefsinnigen Verse, denen Goethe die aus der attischen Komödie genommenen Ober- schriften Parabase, Epirrhema und Antepirrhema gegeben hat, gehören dieser Zeit an.

Solche herrlichen Früchte hat der Umgang mit den großen Philologen seiner Zeit bei

Goethe gezeitigt. Harte Worte spricht er über die unfruchtbaren Streitigkeiten unter den Philologen. Sie hätten es dahin gebracht,daß außer den Priestern dieser Mysterien niemand mehr von der Sache wisse noch wissen könne.¹) Selbst Wolf schont er in diesem Briefe nicht. Dieser gehöre zu den Menschen, die glaubten, alles Gute negieren und jedem wider- sprechen zu müssen. Auch den Metrikern versetzt er einige Hiebe. Von den hundert Hexa- metern, die Wolf als ein non plus ultra gedichtet hatte, wollte er nichts wissen. Die gelehrten Herrn mit ihren Balken und Hütchen CGC brächten das doch nicht fertig, was Zelter in seinen Kompositionen durch seine Quantitäten und Qualitäten der Töne, durch seine Mannig- faltigkeit der Bewegung, durch Pausen und Atemzüge, durch dieses immer Gleiche, immer Wechselnde erreicht hätte.Das Altertum muß nach seiner Ansicht an die Gegenwart und ans Leben angeknüpt werden. Er tadelt, daß durch manche Philologendas der Ver- gangenheit innewohnende Leben immer mehr ertödtet, das Zusammenhängende zersplittert und dem Gefühl entrissen werde.) Man kann den Unmut verstehen, mit dem Goethe dieses harte Urteil gefällt hat, das sonst durchaus nicht mit seiner Ansicht übereinstimmt. In sehr vielen Briefen erkannte er dankbar an, was er der Philologie verdankte. So gesteht er z. B. Zelter,) daß das lange Zusammenleben mit Wolf ihn unendlich gefördert habe und daß mit ihm einen Tag zuzubringen ein ganzes Jahr gründlicher Belehrung eintrage.*) Er sprach stets mit der größten Hochachtung von den Ubersetzern, die es ihm ermöglichten, ein griechisches Kunstwerk ganz zu genießen. Allerdings war er nicht mit jeder Ubersetzung zufrieden, sondern stellte die höchsten Anforderungen an eine solche. So schreibt er z. B. an W. v. Humboldt:²³) Er freue sich, daß er sich durch Vossens Drohungen nicht abschrecken lasse, den Aeschylos zu übersetzen, wie Wolf ganz recht tue, wenn er einen lesbaren Aristophanes herstelle. Voß, der das Ubersetzen als ein ihm gebührendes Vorrecht betrachte, sei vor Dünkel toll geworden. Daß es dersonst verdienstlichen Ubersetzung des Homer von Voß an Faßlich-

1) Prof. d. Botanik in Bonn, d. 25. Mai 1818. ¹²) d. 21. Juni 1818. ²) d. 16. Juli 1818. ¹) An LZelter d. 19. März 1818. ³⁵) An Knebel d. 13. Jan. 1813.) d. 19. Juni 1805 u. d. 20. Mai 1826.) s. W. 35. S. 135. ³) d. 8. Febr. 1813.