Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12

Abschied las ich noch in der Elecktra des Sophokles. Die langen Jamben ohne Abschnitt und das sonderbare Wälzen und Rollen des Periods, haben sich mir so eingeprägt daß mir nun die kurzen Zeilen der Iphigenie ganz höckerig, übelklingend und unlesbar werden. Ich habe gleich angefangen die erste Scene umzuändern. Der zweite Brief ¹) beginnt mit den Schluß- worten aus dem Sophokleischen Ajax: 7 oAA Sotols Tyval piy Iös? TCy BHAXE?CGy, à SAEst. ²)

Aus mehreren Briefen an Frau v. Stein und Merck geht hervor,*) daß sich Goethe auch mit den griechischen Lyrikern in seinem ersten Weimarer Jahrzehnt beschäftigt hat. Er teilt mit, daß Tobler ein Paketchen aus der griechischen Anthologie geschickt habe, auch werden die poëtae graeci minores und eine Reminiszenz aus Anakreon erwähnt, in der es heißt, daß die Heuschrecke von Tau lebe. Es finden sich da die Worte Anakreons

XITTV Sο ν ε εαωιναντ

3εd 5c«c deldeuc. Goethes GedichtAn die Cicade, das anfängtSelig bist du, liebe Kleine, Die du auf der Bäume Zweigen Von geringem Trank begeistert Singend, wie ein König lebest ist eine fast wortgetreue U'bersetzung dieses Liedes Anakreons.

60 t? 15000:» » 5'οSe!« Hivris

Im Zusammenhange wollen wir jetzt kurz die Dramen besprechen, in denen Goethe im ersten Weimarer Jahrzehnt Gestalten der antiken Welt zu beleben und Selbsterlebtes in griechischem Gewande darzustellen bemüht war. Da ist zuerst aus dem Jahr 1776) das Melo- oder Monodrama Proserpina zu nennen, das im Jahr 1787 als vierter Akt in die dramatische GrilleDer Triumph der Empfindsamkeit eingeschaltet ist. Den Stoff scheint Goethe größtenteils aus Ovids Metamorphosen genommen zu haben. Im Jahr 1779 dichtete Goethe, als ein schon feiner Kenner der griechischen Tragiker und des Altertums überhaupt, im Wetteifer mit Euripides an seiner Iphigenie, die erst in Italien ihre Vollendung erhielt. Aber nicht nur die Tragiker, auch die Komiker füllten damals seine Seele. Sein DramaDie Vögel zeigt trotz aller Abweichungen deutlich Goethes genaue Kenntnis der Vögel des Aristophanes. Es zeigt auch, daß er sich die Manier des großen griechischen Komikers vorzüglich zu eigen gemacht hat. Im Epilog sagt Goethe, daß Aristophanes, der ungezogene Liebling der Grazien, dieses Wort stammt aus dieser Stelle zuerst in Athen den Iuhalt dieses Stückes auf das Theater gebracht habe. Daß er auch die Wolken des Aristophanes schon zu dieser Zeit gekannt hat, geht deutlich aus einem Briefe an Frau v. Stein?) hervor. Da heißt es:Die Töchter des Himmels, die weitschweifenden Wolken, sind von dem übelsten Humor und haben nichts von der lieblichen Beredsamkeit, die ihnen Sokrates zuschreibt. Aber nicht nur eine genaue Kenntnis des Aristophanes setzt Goethes Dichtung voraus, sondern auch der griechischen Mythologie. Diese erzählt, daß Askalaphos, der verraten hatte, daß Proserpina vom Granatapfel gegessen hatte, dafür in eine Eule ver- wandelt worden sei. Dies brachte ihn auf den Gedanken, Klopstock, der sich in sitten-

¹) d. 14. Okt. 1786. ²) Manch Rätsel erschließt aufschauend der Mensch; doch ohne zu schauen, deckt niemand auf die verborgenen Lose der Zukunft. ²) d. 8. April 1780 u. d. 17. März 1782, vgl. an Merck d. 19. Mai 1783. ⁴¹) vergl. den Brief an Frau v. Stein vom 25. Mai 1776. ³) W. Iv. B. 7. S. 271.