Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
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Grund, warum er Wieland so hart angegriffen hatte, seine große Liebe zu den Alten an. Hierzu kam, heißt es dort, daß Wieland sich auch gegen unsere Abgötter, die Griechen, erklärte und dadurch unseren bösen Willen gegen ihn noch schärfte. Er schien sich an den treff- lichen Alten und ihrem höhern Stil unverantwortlich zu versündigen, indem er die derb gesunde Natur, die jenen Produktionen zum Grunde liegt, keinesweges anerkennen wollte.

Am Weimarer Hofe, wohin Goethe im Jahre 1775 übersiedelte, wurde der damaligen Sitte gemäß neben der französischen und englischen die antike Literatur besonders gepflegt und bevorzugt. Männer wie Wieland und Knebel, die ganz in diesem Sinne wirkten, fand Goethe dort vor, später gesellte sich Herder dazu. Goethe paßte ganz in diesen Kreis. Trotz der Beschäftigungen mannigfachster Art und trotz der verschiedensten Abhaltungen und Zerstreuungen sehen wir ihn doch am Altertum festhalten und immer tiefer in seinen Geist eindringen. Als er auf einer Reise nach dem dicht bei Jena gelegenen Waldeck, einem weimarischen Dorf, kam, ließ er den dortigen Pfarrer fragen, ob er die Odyssee habe, denn, wie er an den Herzog Karl August schrieb,¹)unmöglich ist die zu entbehren hier in der homerisch einfachen Welt. Da sie der Pfarrer nicht hat, schickt er nach Bürgel, unweit Jena, zum Rektor. Er erhält den Homer und führt ihn stets bei sich. An Frau v. Stein schreibt er: ²)Ich nehme den Homer mit und will sehn was der an mir thut. An Bürger schrieb er im Jahre 1778 mehrere Briefe und ermunterte ihn, den Homer zu übersetzen. Auch anderen Homerübersetzungen brachte er rege Teilnahme entgegen, so der Bodmerschen, Stollbergschen und Vossischen. Als er im Jahre 1779 mit dem Herzoge eine Reise in die Schweiz machte, nahm er den Homer mit und las dem Herzoge einen Gesang aus der Bodmerschen U'bersetzung vor.³) Er las ihn in Lauterbrunn, in Untersewen, in Vevey. Ja, er liest ihn auch nach seiner Rückkehr auf Dienstreisen. Wie ein roter Faden zieht sich durch sein ganzes Leben die Beschäftigung mit Homer. Es ist nicht möglich, alle die Briefe anzuführen, die dies bestätigen.

Aber auch die griechischen Dramatiker verlor er nicht aus dem Auge. So bittet er seine Mutter,) sie möchte ihm aus der Bibliothek des Vaters den Sophokles schicken, den seinigen hätte er verloren. An Merck schreibt er,?) daß in EttersburgDer Vögel, eines Lustspiels nach dem Griechischen und nicht nach dem Griechischen, Erster Akt aufgeführt werde. Die Briefe an Frau v. Stein in dieser Zeit sind oft angefüllt mit Besprechungen antiker Dramatiker. So schreibt er z. B.: ²)Heut früh haben wir alle Mörder, Diebe und Hehler vorführen lassen und sie alle gefragt und konfrontirt... inzwischen daß Serenissimus Flinten und Pistolen probirte, kriegte ich meinen Euripides hervor und würzte diese unschmackhafte Viertelstunde. An Karl August schreibt er,?) daß er eine große Vorliebe für die Perser des Aeschylos habe und daß er den Schriftsteller Tobler gleichsam mit Gewalt dazu gebracht habe, sie zu übersetzen. Um in das Wesen der Dichtung einzu- dringen, sehen wir ihn oft die Poetik des Aristoteles studieren, so schreibt er an Frau von Stein:²)Mit Mühe hab ich mich vonAristoteles losgerissen um zu Pachtsachen und Trifft- angelegenheiten überzugehen. Von seiner Beschäftigung mit den griechischen Tragikern in dieser Zeit geben noch zwei Briefe an Herder Beweis. Im ersten) heißt es:Nach Deinem

z) d. 24. Dez. 1775. ²) d. 16. Jan. 1776. ²) d. 9. Okt. 1779.) d. 16. Nov. 1777.) d. 3. Juli 1780. ) d. 9. u. 12. Sept. 1780.*) d. 4. Nov. 1781. ⁴⁹) d. 10. Okt. 1782.) Ende August 1786.