Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
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ist hier, nach seines Vaters Absicht, um am Reichskammergericht sich in der Praxis umzu- sehen, nach der seinigen, um Homer und Pindar zu studieren.¹) Wenn er sich auch bei ihnen, um in ihren Sinn einzudringen, einer Ubersetzung bediente, so trieb es ihn doch stets, an die Quelle selbst heranzugehen. Sein Geist befähigte ihn, auch ohne sichere grammatische Kenntnisse, sich in eine fremde Sprache hineinzufinden. Wie jeder produktive Geist fühlte er sich dann mächtig getrieben, das Aufgenommene gleichsam nachzuschaffen und in eigenen dichterischen Erzeugnissen das nachzuahmen und neu zu gestalten, was ihn in der fremden Sprache entzückt hatte. In Scherz und Ernst ahmte er in Briefen dieser Zeit Homer nach; ²) las er Pindar, so haben seine Produktionen aus dieser Zeit auch pindarische Sprache, ja pindarischen Schwung, wie dies in Gedichten wie der Wanderer, Wanderers Sturmlied. Schwager Kronos, Ganymed u. a. deutlich zu sehen ist. In dem Gedichte Wanderers Sturm- lied werden Anakreon, Theokrit und Pindar genannt. In diese Zeit fällt auch Goethes Uber- setzung von Pindars fünfter olympischer Ode. In den Frankfurter Gelehrten Anzeigen aus dem Jahre 1772 finden sich auch mehrere Rezensionen über Werke, die die griechische Literatur betreffen. Ob aber einer dieser Aufsätze sicher von Goethe stammt, ist in letzter Zeit be- zweifelt worden.

Daß Goethe, nachdem er Straßburg verlassen hatte, neben den griechischen Schrift- stellern auch die römischen fleißig las und sich eifrig mit Plautus beschaftigte, geht aus einem Briefe an Salzmanu*) hervor. Da er diesen Schriftsteller, wie dies aus dem Briefe selbst deutlich zu sehen ist, im Original gelesen hat, müssen seine lateinischen Kenntnisse ganz hervorragend gewesen sein, denn Plautus ist kein leicht zu lesender Dichter. Von lateinischen Schriftstellern, die er zu der Zeit, teils im Urtext, teils in Ubersetzungen las, nennt er in den Briefen außerdem Horaz, Quintilian, Plinius, Sueton, Tibull, Vergil und Sallust.

Von allen Schriftstellern des Altertums, griechischen und römischen, hat aber keiner einen so nachhaltigen Eindruck auf Goethe geübt, wie Homer. Ihn hat er seit dieser Zeit überhaupt nicht mehr aus der Hand gelegt. Und wie ihm selbst in dieser Zeit Homer das Buch aller Bücher ist, so läßt er auch in Werthers Leiden, in dem Werk, das ihn mit einem Schlage zu einem weltberühmten Dichter machte, den Helden den Homer stets mit sich führen.

Seine Kenntnis und Auffassung des klassischen Altertums mag in dieser Zeit noch unklar und unrichtig gewesen sein, jedenfalls wurden die griechischen Dichter damals von ihm aufs innigste bewundert, und die griechischen Götter und Helden lebten in seiner Phan- tasie in titanenhafter Größe. Dies zeigt sich deutlich in einem Werke des Ubermuts, das Goethe Ende 1773 verfaßt hat, der Farce Götter, Helden und Wieland. In einem Briefe an Schönborn) gesteht er, daß er sie nur geschrieben habe, um seiner Verehrung für Euripides Ausdruck zu geben und um Wieland wegen seinerMattherzigkeit in Darstellung jener Riesen- gestalten der marckigen Fabelwelt zu verspotten, wie er sie in seinem Singspiel Alceste gezeigt hatte. Morsch?) hat es wahrscheinlich gemacht, daß Goethe die Alkestis des Euripides im Urtexte gekannt hat, während man früher annahm, daß ihm Euripides damals nur aus der lateinischen Ubersetzung des englischen Philologen Josua Barnes und der französischen des Pater Brumoy bekannt war. Noch als Greis gibt er in Dichtung und Wahrheit) als

*) s. Goethe u. Werther v. Aug. Kestner S. 25.*²) so z. B. i. d. Briefe an Kestner d. 5. Febr. 1773. ²) d. 6. März 1773. ³⁴) Dichter und dänischer Consulatssekretär in Algier, d. 1. Juni 1774 S. 171. z a. a. 0. ) W. 28. S. 326 f.