Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
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Sinn der Wörter arfdox und anisss aufgegangen. Bei ihm fand er das erlösende Wort für das, was er dunkel gefühlt, was er lange gesucht, was seiner Natur gemäß war. Von aller Theorie und allem abstrakten Denken wandte er sich ab, fühlen, erfassen, schauen war ihm alles. Armer Mensch, an dem der Kopf alles ist. Mit welcher Klarheit erkennt er seine Fehler, wie deutlich fühlt er, wo Hilfe zu hoffen ist! Warum zog ihn das trwτ᷑ριααηεεν 5ναν˙εαι Pindars so an? Weil er sich sagte, seine Jugendbildung und sein Studiengang waren verfehlt, weil er fühlte, daß er sich aufraffen, sich klären, sich beschränken und beherrschen müsse, wenn er es zur Meisterschaft bringen wollte. Nicht umsonst hatte ihn Herder wegen seines unstäten Wesens, mit dem er überall herumgekostet und herumgenascht hatte, mit einem Specht verglichen. Und wohin wandte er sich in seiner Not? Die Griechen, so schreibt er, sind mein einziges Studium. Homer, Xenophon, Plato, Theokrit, Anakreon, Pindar durchforscht er, und daß er neben etwaigen Ubersetzungen auch die Originale studiert, das beweisen doch deutlich die vielen griechischen Zitate. Daß von einem Genius wie Goethe beim Studium dieser Z. T. recht schwierigen Schriftsteller auch wirklich viel Griechisch gelernt worden ist, wird niemand bezweifeln, auch wird schon hierdurch die oft wiederholte Behauptung, Goethe hätte kein Griechisch verstanden, widerlegt.

Auf der Rückreise von Straßburg besuchte Goethe im August 1771 den Mannheimer Antikensaal, wo er zum erstenmal griechische Kunstwerkeein Meer von ungeahnter Herrlich- keit auf sich wirken ließ.

Der Straßburger Zeit gehört auch der AufsatzZum Schäkespears Tag an, in dem er seiner glühenden Verehrung für den großen Briten, zugleich aber auch seiner Verachtung der französischen Dichter Ausdruck gibt, die sich mit Unrecht auf die Griechen beriefen, ja sie übertroffen zu haben wähnten. Er fordert darin auf, sich von den Franzosen loszureißen und zur Natur und zu den Griechen zurückzukehren, wie er sie durch Homer, Sophokles, Theokrit kenne. Wie er hier von Shakespeare sagt: Er wetteiferte mit dem Prometheus, bildete ihmZug vor Zug seine Menschen nach, belebte sie alle mit dem Hauche seines Geistes, gerade so fühlte er sich in dieser Zeit durch sein produktives Talent dem großen Briten verwandt. Diese Prometheische Stimmung ist noch deutlich in den nächsten Jahren bemerkbar. Im Vollbesitz seiner dichterischen Kraft formt er Menschen wie Prometheus und schneidet sich, wie er in Dichtung und Wahrheit sagt,¹) das alte Titanengewand nach seinem Wuchse zu. Das Fragment Prometheus zeigt deutlich, daß Goethe damals schon die griechischen Tragiker gekannt hat. Vieles in ihm erinnert in Form und Denkweise an den gefesselten Prometheus des Aeschylos. Noch andere ähnliche Riesenstoffe füllten damals seine Seele. Von Muhamet und Ahasver wollen wir hier nicht handeln. In seinen Ephemerides, Tagebuchblättern aus den Jahren 1770 1771, die deutlich seine Beschäftigung mit dem Alter- tum zeigen, finden sich auf der letzten Seite einige wenige Bruchstücke eines großgeplanten Dramas Julius Caesar.²) Er schreibt darüber:²)Noch einige Plane zu grosen Dramen hab ich erfunden, das heisst das interessante Detail dazu in der Natur gefunden und in meinem Herzen. Mein Caesar, der euch einst freuen wird, scheint sich auch zu bilden.

Die großen griechischen Dichter, zu denen ihn Herder geführt hatte, Homer, Pindar und andere beschäftigten ihn auch in der Wetzlarer Zeit. Kestner schreibt hierüber: Goethe

4) W. 28. S. 310 ff. ²) s. Gracf, G. über seine Dichtungen II 1 S. 71 ff. u. Morris a. a. O. II S. 50. *) d. 1. Juni 1774 an Schönborn.