Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
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HGXu, das im 10. Buch der Odyssee Hermes dem Odysseus gibt, damit er sich gegen die Zauberin Circe schütze, die seine Gefährten in Schweine verwandelt hatte.

Als er von seiner Krankheit geheilt war und sich zur Beendigung seiner Studien nach Straßburg begeben hatte, trieb er die Jurisprudenz wie in Leipzig ohne innere Teilnahme. Sein Dichterberuf und seine Neigung führten ihn ganz andere Bahnen.

Erst mit Goethes Eintritt in Straßburg ist eine entscheidende Wendung in seinem Bildungsgange, der bisher sehr unmethodisch gewesen war, bemerkbar. In Straßburg weilte damals nach einer wunderbaren Fügung des Geschicks Herder, der nur fünf Jahre älter als Goethe, aber schon ein berühmter Schriftsteller war. Er hatte damals schon seine Schrift Uber den Ursprung der Sprache verfaßt ¹) und in seinen Kritischen Wäldern Lessings Laokoon und Klotzens Homerische Briefe scharf kritisiert. Er hat auf Goethe den aller- größten Einfluß ausgeübt. Er hat ihm z. B. nicht nur seine große Vorliebe für Ovid verleidet. Goethe erhielt auch von ihm eine tiefere Anschauung von Volks- und Kunstdichtung; die Poesie der Bibel, Ossians und Shakespeares lernte er durch ihn verstehen; von ihm wurde er auch auf die Griechen und besonders auf Homer hingewiesen, den er jetzt aufs eifrigste zu studieren anfing, so daß er im Juni 1771 an seinen Freund Salzmann schreiben konnte:Ich lerne schön griechisch; denn daß Sies wissen, ich habe in der Zeit daß ich hier bin meine griechische Weisheit so vermehrt, daß ich fast den Homer ohne Übersetzung lese. Daß dieser ihn in Straßburg ganz besonders gefesselt hatte, geht noch aus einem anderen Briefe an Salzmann hervor. Als er an seinem Götz dichtete, schrieb er ihm: ²)Mein ganzer Genius liegt auf einem Unternehmen worüber Homer, Shäkespear und alles vergessen worden.

Wie ernst er bemüht war, die Lücken seines Jugendunterrichts auszufüllen, und wie gewaltig er sich hierbei von Herder gefördert fühlte, beweisen mehrere Briefe an Herder aus dieser Zeit. Im Sommer 1771 schrieb er ihm:Mein ganzes Ich ist erschüttert.... Herder, Herder, bleiben Sie mir, was Sie mir sind.... Ich lasse Sie nicht los. Ich lasse Sie nicht! Er wolle nichts unternehmen, bevor er seine Stimme gehört habe, denn er wisse, daßals- dann radicale Wiedergeburt geschehen muß, wenn es zum Leben eingehen soll. ³)

Mit welcher Begeisterung er damals griechische Schriftsteller las, zeigen deutlich die Briefe an Herder aus dieser Zeit. Ende 1771 schreibt er ihm:Jetzo studir' ich Leben und Tod des Sokrates und dialogisir's in meinem Gehirn. Den Sokrates, den philosophischen Helden- geist, dieEroberungswuth aller Lügen und Laster, besonders derer, die keine scheinen wollen,) oder vielmehr den göttlichen Beruf zum Lehrer der Menschen, die ssνοα des Beravoette,) das Pharisäische Philisterthum der Meliten und Anyten.) Ich weiß noch nicht, ob ich mich von dem Dienste des Götzenbildes, das Plato bemalt und verguldet, dem Xenophon räuchert, zu der wahren Religion hinaufschwingen kann, der statt des Heiligen ein großer Mensch er- scheint, den ich nur mit Liebesenthusiasmus an meine Brust drücke und rufe: Mein Freund und mein Bruder! Der Brief endet mit den Worten aus dem Schlusse der Apologie Platos:

¹) vergl. Haym, Herder I S. 392 fl. ²) d. 28. November 1771. ³) Ende 1771. ¹) Die Worte stammen aus denSokratischen Denkwürdigkeiten von Hamann, die Goethe durch Herder kennen gelernt hatte. ³) G. hat griechische Wörter meist ohne Akzente, oft auch ohne Spiritus geschrieben. 25 0ia und psravosi, kommen oft im Neuen Testament vor, vgl. z. B. Ev. Matth. K. 3. V. 2; ersteres bedeutet hier die Macht, letzteres den Sinn ändern oder Buße tun.) Melitos und Anytos hatten die Anklage gegen Sokrates erhoben.