Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
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und Behrisch gerichtet sind, sprudelt alles von Geist und Witz, und wenn er seine Erleb- nisse auf der Universität beschreibt, läßt er auch ab und zu seine Gelehrsamkeit leuchten, und in lateinischer Sprache macht er feine Bemerkungen über die Professoren, beschreibt auch den rector magnificus Gottsched in Jamben und in deutschen und lateinischen Hexametern, die deutlich zeigen, daß er die ars poetica des Horaz kennt!¹) An seinen Vater schrieb er ²) kurz nach seiner Ankunft in Leipzig:Ich tue jetzt nichts als mich des Lateins befleisen. Er wollte mit dieser Mitteilung wohl seinem Vater eine Freude machen, der die sichere Kenntnis der lateinischen Sprache für das juristische Studium für unerläßlich hielt. Bei Ernesti hörte er, wie er an Riese schrieb,*) ein Kollegüber Cicerons Gespräche vom Redner. Seiner Schwester empfiehlt er Ciceros Briefe zu lesen und zwar in der italienischen Ausgabe aus der Bibliothek seines Vaters und die Briefe des Plinius in einer französischen Ausgabe. Viel Griechisch wird er in dieser Zeit wohl nicht getrieben haben, er erwähnt nur in einem französisch geschriebenen Brief an seine Schwester*) die nach den neun Musen benannten Bücher des Herodot und Platons Phaedon. Dagegen ist aus dem begeisterten Lobe, das er in Dichtung und Wahrheit Lessings Laokoon und Winckelmanns Geschichte der Kunst spendet, die beide zur Zeit seiner Leipziger Studentenjahre erschienen waren, zu schließen, daß er durch diese Werke auf die Schönheiten Homers aufmerksam wurde. Gekannt muß er die homerischen Gesänge damals schon haben, wenn auch wohl nur in Ebersetzungen. Dies geht deutlich aus Anklängen an die homerische Sprache in seinen Briefen hervor.

Nicht nur auf dem Gebiete der Dichtung können wir in dieser Zeit Goethes Wachsen und Werden beobachten, sondern auch auf dem der bildenden Kunst. Schon im Hause seines Vaters hatte er steten Verkehr mit Künstlern, wie z. B. dem Maler Seekatz, gehabt. In Leipzig hatte er Zeichenunterricht bei Oeser, der ihn im Sinne Winckelmanns auf die antike Kunst hinwies. In dieser Zeit übte er seine Hand und sein Auge in schönen Formen, auch versuchte er sich selbst im Zeichnen, Malen, Radieren und Modellieren. Im Hause des Buch- händlers Breitkopf fand er eine Sammlung antiker Gemmen, mit deren Ordnung er sich befaßte, wodurch er ein Interesse für Gemmen und Münzen gewann, das er sein ganzes Leben hindurch bewahrt hat. Auch nach Dresden fuhr er, um die berühmte Bildergalerie zu sehen, die ihn so fesselte, daß er und das ist recht charakteristisch für den damaligen Goethe es ablehnte, die dortigen Antiken zu besichtigen. Für diese wie für den Geist des Altertums war der damals Neunzehnjährige noch nicht reif. Das gesteht er in reiferer Zeit selbst. So schrieb er 30 Jahre später an Schiller,) er erinnere sich recht gut, daß er schon als Leipziger Student die Ubersetzung der Poetik des Aristoteles gelesen, von dem Sinne des Werkes aber gar nichts begriffen hätte. Und in Dichtung und Wahrheit ¹) sagt er von dieser Zeit, die geliebten Alten hätten noch immer wie ferne blaue Berge, in ihren Teilen unkenntlich, den Horizont seiner geistigen Wünsche begrenzt.

Auch als er krank ins Elternhaus zurückgekehrt war, hat er sich mit dem Altertum beschäftigt. In dem 14 Druckseiten langen Brief an seine Freundin, Friederike Oeser,:) spricht er von des Ulysses Kräuterbüschel, das er in einem Sachet bei sich trage, so daß ihm die stärkste weibliche Bezauberung nicht mehr schade. Er denkt dabei an das Heilkraut

¹) an Riese d. 30. Okt. 1765. ¹) d. 13. Oktober 1765. ³) d. 20. Okt. 1765.) August 1767.) d. 6. Mai 1797. ) W. 27. S. 191. ²⁷) den 13. Febr. 1769, S. 190.