Aer junge Goethe genoß einen sehr vielseitigen, aber wenig methodischen Unterricht. Auch 1 in den alten Sprachen wurde er unterrichtet und zwar zunächst von seinem Vater, der selbst gut lateinisch schrieb und sprach, später vom Kandidaten Scherbius im Lateinischen und Griechischen und dem Rektor Albrecht im Hebräischen. Scherbius unterrichtete ihn nach der Acerra philologica, die auserlesene Stücke aus griechischen und lateinischen Schriftstellern enthielt, dem gereimten Lateiner des Cellarius und dem Orbis pictus des Comenius.¹) Wie aus den Labores iuveniles?*) hervorgeht, hatte schon der neunjährige Knabe große Fertigkeit im Lateinschreiben, weniger leistete er im Griechischen. Von lateinischen Schriftstellern las er den Cornelius Nepos und Ovids Metamorphosen, die er besonders lieb gewann. Griechische Schrift- steller hat er im Original wohl damals kaum näher kennen gelernt. Er hatte dazu aller- dings immerhin manche Gelegenheit. Wie aus dem Vergantungskatalog der Bibliothek seines Vaters hervorgeht, fanden sich dort von griechischen Schriftstellern Aesop, Anakreon, Aristo- teles, Josephus, Isokrates, Chrestomathia Platonis, Plutarch, Theokrit und Xenophon. Sollte der wißbegierige Knabe diese nicht auch in die Hand genommen haben? Es ist dies um so sicherer anzunehmen, als Goethe in Dichtung und Wahrheit erzählt,³) daß ihm der gelehrte Rektor Albrecht, der stets seinen Lucian in der Hand hatte, erlaubt habe, auch aus seinen Bücherschätzen„einen Band nach dem andern mit nach Hause zu nehmen“. Aus dessen Bibliothek muß er wohl auch den Menander und von römischen Komikern Plautus und Teren⸗z erhalten haben. Im Vergantungskatalog der Bibliothek des Herrn Rat werden diese Schrift- steller nicht genannt, wohl aber Cicero de oratore und Episteln, Eutrop, Gellius, Horaz, Ovid, Plinius, Phaedrus, Sueton und Tacitus. Gekannt muß er Terenz damals schon haben, sonst hätte er im Alter nicht sagen können: ¹4)„„Anders lesen Knaben den Terenz, Anders Grotius“. Mich Knaben ärgerte die Sentenz, die ich nun gelten lassen muß.-— In den homerischen Sagenkreis wurde der Knabe durch Fénélons Télémaque und durch eine schlechte prosaische Bearbeitung des Homer eingeführt.
Wenn nun auch nach alledem sein Wissen nicht geregelt war, so hatte er doch für das klassische Altertum allmählich eine gewisse Vorliebe gewonnen, und als er sich sechzehn- jährig zur Universität rüstete, wollte er lieber in Göttingen bei Heyne und Michaelis sich dem Studium des Altertums hingeben, als nach dem Willen seines Vaters in Leipzig Juris- prudenz studieren.
Mit dem juristischen Studium nahm es Goethe in Leipzig sehr leicht. Seiner Neigung gemäß beschäftigte er sich besonders mit schöngeistigen Dingen. In den Briefen aus der Leipziger Studentenzeit, die fast alle an seine Schwester Cornelie und an seine Freunde Riese
¹) s. Elisabeth Mentzel, Wolfgang u. Cornelia Goethes Lehrer. ³) M. Morris, der junge Goethe, Neue Ausg. in 6 Bd. Insel-Verlag, Leipzig 1909. ³) W. 26 S. 204.(Verf. citiert stets nach der großen Weimarer Aus- gabe= W.)* Brief an Zelter d. 8. Aug. 1822.


