Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
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auch das geringste daraus missen möchte, so sicher ist es doch, daß die Briefe eine bessere Quelle des von Goethe in Italien Erlebten sind, als das später so kunstvoll geschriebene Werk. Wo aber in Werken, wie Iphigenie, Hermann und Dorothea oder der Helenadichtung im zweiten Teil von Faust Goethes Verhältnis zur Antike uns in kunstvoller Form entgegen- tritt, selbst da geben die Briefe die beste Beleuchtung, Ergänzung und Erklärung dieser Dichtungen.

Die Briefe Goethes sind ferner von dem größten Interesse, weil sie einen unmittel- baren Blick in sein Leben, in das Leben eines großen und guten Menschen gewähren, eines Menschen, von dem Schiller sagte:er wird noch mehr als Mensch, denn als Schriftsteller geliebt und bewundert, sie sind aber auch unschaätzbar ihres Inhalts wegen. Denn Goethe war, besonders in seinem Alter, gewissermaßen der geistige Mittelpunkt in Deutschland, in Europa, ja man kann sagen, in der zivilisierten Welt geworden. So weist denn auch der Briefwechsel die allerdurchlauchtigsten Namen von Goethes Mitwelt auf, aus den Höhen der Menschheit und aus allen Gebieten des Geistes. Mit manchem gekrönten Haupt und fast mit allen Universitäten des In- und Auslandes und ihren hervorragendsten Leuchten hatte er Beziehungen, so in Halle mit Friedrich August Wolf, in Leipzig mit Gottfried Hermann, in Berlin mit Alexander und Wilhelm von Humboldt. Man kann ohne Cbertreibung behaupten, daß es kaum einen Zweig der Wissenschaft oder der Kunst, kaum eine Seite des weitver- zweigten Lebens der Menschen gibt, für die man nicht in Goethes Briefen ein bedeutsames Wort findet. Welche unerschöpfliche Fülle von Gedanken über Religion, Politik, Kunst und Natur findet sich hier! Wie werden sie immer und immer wieder gelesen, studiert und aus- geschöpft werden!Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu tun. So werden sie eine unerschöpfliche Fundgrube noch für lange, lange Jahre bilden.

In seinen Briefen äußert sich Goethe auch oft über seine Werke und, was uns hier besonders interessiert, auch über die Werke, die antike Stoffe behandeln oder sonst irgendwie in Beziehung zum klassischen Altertum stehen. Es finden sich aber in den Briefen auch unendlich viele direkte Urteile über Griechen und Römer, über ihr Wesen und ihre Werke. Hier sind die Briefe eine besonders zuverlässige Quelle. In ihnen finden sich Goethes Urteile über die Antike reiner und unmittelbarer als in seinen Werken.

Sein Verhältnis zum klassischen Altertum ist oft falsch dargestellt worden, indem man allein auf seinen Werken fußte, in denen aber nicht immer Dichtung und Wahrheit streng geschieden sind. Hinsichtlich der Entstehung einzelner Werke, z. B. des Fragments Elpenor, wie über wichtige Fragen, z. B. die Katharsisfrage, oder über seine Beschäftigung mit den griechischen Dramatikern u. a. m. werden hier und da die sonderbarsten Vermutungen auf- gestellt, während Goethe sich selbst aufs deutlichste in seinen Briefen über diese Fragen geäußert hat.

Die Briefe geben uns schließlich ein sicheres Mittel, sein Wachsen und Werden zu beobachten und festzustellen, welchen Weg sein Studium auf diesem Gebiete genommen und wie er im ganzen und im einzelnen über das klassische Altertum in den verschiedenen Abschnitten seines langen Lebens gedacht hat.

Aus allen diesen Gründen hat es der Verfasser unternommen, zu versuchen, Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum nach dem Zeugnisse seiner eigenen Worte in seinen Briefen darzustellen und diese neben den anderen Quellen besonders zu berücksichtigen.