Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
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oethes Verhältnis zum klassischen Altertum ist schon oft der Gegenstand gelehrter Unter- G suchungen gewesen. ¹) In eingehender Weise sind seine Beziehungen zu Homer, zu den griechischen Dramatikern, der Mythologie, Kunst, Philosophie, wie die Beziehungen einzelner seiner Werke zum Altertum klargelegt worden. Die vorliegende Arbeit verfolgt den Zweck, Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe darzustellen, die jetzt zum erstenmal vollständig in der großen Weimarer Ausgabe vorliegen. Das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar, sein Direktor wie sein Gelehrtenstab haben sich ein nicht hoch genug zu schàätzendes Verdienst durch diese Ausgabe der Briefe Goethes erworben. Sie enthält über 13 000 Briefe in 49 Bänden. Der fünfzigste, der Registerband für die Jahre 1818 1832, steht noch aus. Die Briefe sind an 2000 verschiedene Personen gerichtet, und nahezu 5000 Briefe sind in dieser Ausgabe zum erstenmal oder in bedeutend vervollständigter Gestalt veröffentlicht worden. Die Register, Lesarten, Anmerkungen und Erläuterungen enthalten eine staunenswerte Gelehrsamkeit und Gründlichkeit und bringen ein Quellenmaterial, wie es sonst nirgend zu finden ist. Die Tagebücher Goethes, die jetzt auch zum erstenmal vollständig in der Weimarer Ausgabe abgedruckt sind, bilden eine wesentliche Ergänzung der Briefe. Sie sind vom Verfasser ebenso zu Rate gezogen wie Goethes Gespräche, die W. v. Biedermann herausgegeben hat.

Die Briefe eines Dichters sind, um seine Ansichten über wichtige Fragen kennen zu lernen, in gewisser Hinsicht wichtiger als seine Werke. Denn während in diesen, besonders in den Dramen und Epen, stets die auftretende Person zu uns redet und die ihrem Charakter zukommende Ansicht gemäß dem künstlerischen Zwecke des Dichters äußert, ist es in den Briefen der Schriftsteller selbst, der zu uns spricht. Goethe hat einmal gesagt, Briefe gehörten unter die wichtigsten Denk- mäler, die ein einzelner Mensch hinterlassen könne. Auch Goethes Selbstbiographie, Dichtung und Wahrheit, die doch sonst mit Recht als eine vorzügliche Quelle für die ersten 26 Jahre seines Lebens gilt, ist nicht so zuverlässig wie seine Briefe. Denn erst i. J. 1811, als Zweiundsechzig- jähriger, hat er angefangen, dieses Werk zu schreiben. Da ist es natürlich, daß ihn oft sein Gedächtnis im Stich gelassen hat und daß er die Dinge so schilderte, wie er sie in ungenauer Erinnerung hatte, nicht wie sie in Wirklichkeit waren. Khnlich ist es mit der Italienischen Reise, die Goethe 30 Jahre, nachdem er aus Italien zurückgekehrt war, auf Grund seiner Briefe und Tagebücher geschrieben hat. So anziehend auch diese Reise geschildert ist und so ungern man

²) vergl. Classen, Goethe u. d. klass. Altertum. In d. Verh. d. 20. Vers. d. Phil. u. Schulmänner. Frankf. a. M. 1863. J. Walser, Lessings und Goethes charakt. Ansch. ü. d. Aristoteles Katharsis, Stockenau 1868/69. H. Schreyer, G. u. Homer, Schulpforta 1884. 0. Lücke, G. u. Homer, IIfeld 1884. H. Morsch, G. u. d. gr. Bühnendichter, Progr. Berlin 1888. K. Böhm, G's. Verh. Z. Antike, Wien 1891. C. Olbrich, Nachahmung d. Klass. Spr. b. G. Leipzig 1891. H. Schreyer, d. Fortleben homerischer Gestalten i. G's. Dichtung, Gütersloh 1893. Ad. Michaelis, G. u. d. Antike. In den Straßburger Goethevorträgen. Straßburg 1899. R. Hering, d. Einfluß d. klass. Alt. a. d. Bildungsgang d. jungen G. Frankf. a. M. 1902. F. J. Schmidt, G. u. d. Altertum in d. Preuß. Jahrb. 105 S. 63 ff.