Aufsatz 
Schillers Verhältnis zum klassischen Altertum : ein Gedenkblatt zu Schillers hunderstem Todestag / von Primer
Entstehung
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Selbstverständlich ist es nicht das klassische Altertum allein gewesen, Was Schillers Genius nährte und zur Reife brachte. Es sei ferne von uns, dies behaupten zu wollen. Er hat von der Antike gelernt, ohne das Moderne von sich zu weisen oder an seinem modernen Empfinden Abbruch zu erleiden. Daß Shakespeare und Rousseau ihn mächtig beeinflußt haben, ist schon erwähnt. Noch viele andere Faktoren kamen hinzu. Das Studium der Geschichte und der Philosophie, besonders Kants, Deutschtum und Christentum taten das ihre. Sie zogen ihn sogar zeitweise vom Altertum ab. Das Griechentum hat aber auf ihn als Dichter den nachhaltigsten Einfluß geübt. Nach seinem eigenen Geständnisse hatte er zu den Alten gegriffen, um sich den tragischen Stil anzueignen, seine dramatische Eeder zu üben, und um mehrSimplizität, in Plan und Stil aus den Alten zu lernen. Dieser Einfluß der Antike ist denn auch in allen seinen dramatischen Meisterwerken, von Wallenstein bis zum Demetrius deutlich erkennbar. Er vereinte in ihnen aufs glücklichste die Tradition der Antike mit der Shakespeareschen freien GestaltungUnd auf der Spur des Griechen und des Britten lst er dem bessern Ruhme nachgeschritten. Er führte die griechische Schicksalsidee wieder in das deutsche Drama ein und ließ neben dem Willen des Helden Kräfte, die außerhalb des Willens des Helden liegen, dunkle Anlagen und das Verhängnis wirken. Er nutzte den in uns allen wurzelnden Glauben an eine geheimnisvoll waltende höhere Weltordnung, die die Fäden zwischen Schuld und Sühne, Verdienst und Lohn spinnt. Die Handlungen seiner Personen gehen aber stets aus ihrem Charakter hervor, und sie tragen die volle Verantwortlichkeit ihrer Taten. In dieser Weise löst er das problem der Bedingtheit alles menschlichen Handelns und der freien Verantwortlichkeit des Menschen und gab damit dem deutschen Drama seine Eigenart. Daß er theoretisch bei Aristoteles und praktisch bei den griechischen Tragikern in die Schule gegangen ist, zeigen alle seine Meisterdramen nicht nur darin, daß er in ihnen die antike Schicksalsidee in seiner Weise anwendet Das große gigantische Schicksal, Welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt, daß er das tragische Mitleid und die tragische Furcht nach den Gesetzen der Griechen regelt, daß das Natürliche und Wahre jetzt seine Dramen auszeichnet, daß seine Helden menschlich fühlen und menschlich handeln, sondern auch darin, daß er in der Braut von Messina über die bloß gelegentlichen Anklänge an die griechische Tragödie hinausgeht und mit dem festen Vorsatz eine antike Tragödie zu dichten, in Form und Inhalt mit seinen antiken Vorbildern geradezu in Wettkampf tritt. So verschieden auch sonst die Faktoren gewesen sein mögen, die bei der Schaffung seiner Meisterwerke mitgewirkt haben, das können wir mit Recht behaupten, daß in ihnen allen der Geist des Altertums mitgeschaffen hat und daß das beste, Was sie haben, durch die Antike hervorgerufen worden ist.

Aber nicht nur in seinen Dramen, auch in seinen Prosawerken sehen wir Schiller im Banne des klassischen Altertums. Die Abhandlung über naive und sentimentalische Dichtung zeigt ihn uns in staunender Bewunderung des Griechenvolkes und seiner naiven Denkweise. Dieser Naivität, der harmonischen Einheit des Gedankens und der Empfindung, der ruhigen Vernunft, der Einfalt und der schönen Natur der Alten sich zu nähern, ist Schiller fortan sein ganzes Leben bestrebt gewesen. Die Griechen standen ihm, seitdem er sie recht kennen gelernt hatte, beständig vor Augen. Auch in seinen Balladen und sonstigen Gedichten finden wir jetzt vorwiegend griechische Stoffe. Sie gehören zu dem Schönsten, was unsere Dichtung besitzt. Sie sind ein Gemeingut aller Gebildeten ge-