Aufsatz 
Schillers Verhältnis zum klassischen Altertum : ein Gedenkblatt zu Schillers hunderstem Todestag / von Primer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

48

als beleben. Unsere Tragödie, wenn wir eine solche hätten, hat mit der Ohnmacht, der Schlaffheit, der Charakterlosigkeit des Zeitgeistes und mit einer gemeinen Denkart zu ringen, sie muß also Kraft und Charakter zeigen, sie muß das Gemüt zu erschüttern, zu erheben, aber nicht aufzulösen suchen. Die Schönheit ist für ein glückliches Geschlecht, aber ein unglückliches muß man erhaben zu rühren suchen. Auch diese Worte Schillers zeigen, wie richtig er über die Kunst im allgemeinen und über die griechische Kunst im besonderen geurteilt hat. Obgleich er vielleicht der größte Bewunderer der griechischen Tragödie war, der je gelebt hat, meint er doch, daß man ihre Wiederherstellung heute nicht erzwingen soll. Und das mit Recht, denn feste und ewige, für alle Zeiten giltige Normen für die Kunst gibt es überhaupt nicht. Diese muß sich wie jedes organische Gebilde natürlich und lebendig entwickeln. Jedes Volk und jede Zeit muß der jedesmaligen Kultur, ihrer Anschauung und ihren Bedürfnissen Rechnung tragen.

Dabß Schiller fort und fort bemüht war, von den Griechen zu lernen und auch ihrer Sprache Herr zu werden, beweisen mehrere Briefe aus dieser Zeit. Am 26. September 1800 bittet er sich von Goethe(ottfried Hermanns Metrik aus, um sich Rat über den griechischen Trimeter zu holen.Auch habe ich große Lust, schreibt er,mich in Nebenstunden etwas mit dem Griechischen zu beschäftigen, nur um soweit zu kommen, dabß ich in die griechische Metrik eine Einsicht erhalte. lch hoffe, wenn Humboldt hierher kommt, dadurch eher etwas von ihm zu profitieren. Auch wünschte ich zu wissen, welche griechische Grammatik und welches Lexikon das brauchbarste sein möchte. Als dann die Metrik von Hermann in seinen Händen war, schreibt er am 20. September 1800 an Goethe:An den Hermann werde ich mich sogleich machen und übrigens in der Sache solange fort- fahren, als sie mir nicht unerträglich wird. Am l. Oktober 1800 schreibt er dann an Goethe:Es wird mir schwer mit Hermanns Buch zurecht zu kommen und schon vorn- nerein finden sich Schwierigkeiten, ich bin neugierig, wie es Ihnen mit diesem Buche er- gangen ist, und hoffe, daß Sie mir ein Licht darin aufstecken werden.

Nachdem Schiller in stetem Hinblicke auf das Altertum drei dramatische Meisterwerke, den Wallenstein, die Maria Stuart und die Jungfrau v. Orleans gedichtet hatte, wollte er in einem neuen Drama mit den Griechen selbst in Wettkampf treten. Er schrieb darüber an Körner den 13. Mai 1801:lch habe große Lust mich nunmehr in der einfachen Tragödie, nach der strengsten griechischen Form zu versuchen, und unter den Stoffen, die ich vorrätig habe, sind einige, die sich gut dazu bequemen. Der eine Stoff, den er meinte, waren die Malteser, die er wohl zehn Jahre in seinem Hierzen getragen hat, von denen er immer und immer wieder in seinen Briefen spricht, in denen er sich von der Einführung des griechischen Chors eine ganz besondere Wirkung versprach. Das andere Stück, das ihn zu der Zeit beschäftigte, war die Braut von Messina.Es besteht, schreibt er in demselben Briefe,den Chor mitgerechnet, nur aus 20 Scenen und aus fünf Personen. Goethe billigt den Plan ganz, aber es erregt mir noch nicht den Grad von Neigung, den ich brauche, um mich einer poetischen Arbeit hinzugeben. Die Hauptsache mag sein, weil das Interesse nicht sowohl in den handelnden Personen, als in der Handlung liegt, so wie im Oedipus des Sophokles; welches vielleicht ein Vorzug sein mag, aber doch eine gewisse Kälte erzeugt. Um die rechte Stimmung zu erhalten, griff er wieder zu den alten Tragikern, diesem Jungbrunnen, aus dem er schon so oft Kraft geschöpft hatte. Zu den schönsten