Aufsatz 
Schillers Verhältnis zum klassischen Altertum : ein Gedenkblatt zu Schillers hunderstem Todestag / von Primer
Entstehung
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soviel Oberhebung immer und immer wieder gesagt wird, dal der Winckelmann-Lessingsche Begriff des Griechisch-Schönen falsch ist, hat Schiller, wie man sieht, längst gewußt. Das Griechisch-Schöne schließt selbstverständlich auch das Wahre und Charakteristische in sich.

Auch die Briefe aus den letzten Jahren seines Lebens zeigen, daß Schiller nie aufgehört hat, sich an den Alten zu bilden. Den Homer legte er So zu sagen nicht mehr aus den Hländen. Wie aufmerksam er ihn studierte, zeigt unter anderem ein Brief an Goethe vom 27. April 1708, in dem er schreibt:In diesen Tagen lese ich den Homer mit einem ganz neuen Vergnügen, wozu die Winke, die Sie mir darüber gegeben, nicht wenig beitragen. Man schwimmt ordentlich in einem poetischen Meere, aus dieser Stimmung fällt man auch in keinem einzigen Punkte und alles ist ideal bei der sinnlichsten Wahrheit. Ubrigens muß einem, wenn man sich in einige Gesänge hineingelesen hat, der Gedanke an eine rhapsodische Aneinanderreihung und an einen verschiedenen Ursprung notwendig barbarisch vorkommen, denn die herrliche Continuität und Reciprocität des Ganzen und seiner Teile ist eine seiner wirksamsten Schönheiten. Schiller war bekanntlich ein großer Feind der Entdeckungen, die Wolf in seinen Prolegomena ad Homerum veröffentlicht hatte. Ober Homer handelt auch der Brief an Goethe vom I. Mai 1708. Da heißt es:Es ist mir dieser Tage in der Odyssee eine Stelle aufgefallen, die auf ein Gedicht, das verloren gegangen, schließen läßt und dessen Thema der llias vorangeht. Sie steht im 8. Buch der Odyssee vom 72. Verse an.(emeint ist der Zank des Odysseus und des Achill beim Mahle der Götter. In demselben Briefe schreibt er:Möchten Sie nur erst wieder in Ihrer homerischen Welt leben. Ich zweifle nicht im geringsten, daß Ihnen diesen Sommer und Herbst noch einige Gesänge gelingen werden. Goethe hatte ihm kurz vorher sein eben fertig gewordenes Gedicht Hermann und Dorothea geschickt, das Schiller den homerischen Gesängen an die Seite stellte. Auch schreibt er ihm den 4. Mai 1708:Es wäre wohl nicht übel, wenn wir bei Ihrem nächsten Hiersein den Homer zusammenläsen. Die schöne Stimmung nicht zu rechnen, die Ihnen das zu lhrer Arbeit gäbe, würde es uns auch die schönste Gelegenheit zu einem ldeenwechsel darbieten, wo das wichtigste in der Poesie notwendig zur Sprache kommen müßte. So setzen wirs alsdann künftig mit den Tragikern und anderen fort. Als Goethe mit der Dichtung seiner Achilleis beschäftigt war, schrieb ihm Schiller, der Goethes kühnen Versuch, mit Homer in Wettstreit zu treten, nicht billigte, den 18. Mai 1708, da keine llias nach der llias mehr möglich wäre, selbst wenn es wieder einen Homer und wieder ein Griechenland gäbe, so glaube er ihm nichts Besseres wünschen zu können, als daß er seine Achilleis, so wie er sie geplant habe, nur mit sich vergleiche und bei Homer bloß Stimmung suche.

Wie die Zeit Homers nach seiner Ansicht eine andere war, als die unsrige, so auch die Zeit der griechischen Tragiker. Auch diese ist für uns unwiderbringlich verloren. Als er sich von Goethe am 14. Juni 1700 den Aeschylus hatte schicken lassen, da ihn wieder sehr nach einer griechisch-tragischen Unterhaltung- verlangte und er diesen eifrig studiert hatte, schrieb er an den Rektor Süvern in Thorn den 26. Juli 1800:Ich teile mit Ihnen die unbedingte Verehrung der alten Tragödie, aber sie war eine Erscheinung ihrer Zeit, die nicht wieder kommen kann, und das lebendige Produkt einer individuellen bestimmten Gegenwart einer ganz heterogenen Zeit zum Maßstab und Muster aufdringen, hieße die Kunst, die immer dynamisch und lebendig entstehen und wirken muß, eher töten