Aufsatz 
Schillers Verhältnis zum klassischen Altertum : ein Gedenkblatt zu Schillers hunderstem Todestag / von Primer
Entstehung
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Mit welchem Eifer sich Schiller in das Studium des Aristoteles vertieft hat, geht aus mehreren Briefen hervor. An Goethe schreibt er den 5. Mai 1707, er habe nach Lesung der Poetik des Aristoteles seinen inneren Frieden nicht verloren, und er fühle sich mit den strengen Kunstgesetzen jenes in Obereinstimmung: obgleich Aristoteles einwahrer Höllen- richter sei. Er begreife jetzt den schlechten Zustand, in den dieser die französischen Dichter versetzt habe. Ganz könne Aristoteles nicht mehr gewürdigt werden, da wir die Basis, von der aus er urteilte, nicht mehr kennen; denn die Tragödien, aus denen er seine Kunstgesetze herleite, seien verloren. Einzelne Gedanken hebt Schiller als besonders einleuchtend hervor, so z. B. daß er bei der Tragödie das Hauptgewicht in die Verknüpfung der Begebenheiten legt, daß er der Poesie eine größere Wahrheit als der Geschichte zu- gesteht, daß die Alten ihre Personen mit mehr Politik, die Neueren mit mehr Ehetorik naben sprechen lassen, daß der Dichter im Vorteile ist, wenn er historische Personen zu rlelden seiner Dramen macht. Auch Körner gegenüber äußerte er sich über Aristoteles am 3. Juni 1707 in ähnlicher Weise. Die Poetik, die er mit Goethe zusammengelesen, hätte ihn nicht niedergeschlagen, sondern gestärkt und erleichtert. Er dringe mit Festigkeit und Bestimmtheit auf das Wesen der Dinge, und was er vom Dichter fordere, müsse dieser von sich selbst fordern. Seine große Erfahrung gebe seinen empirischen Aussprüchen einen allgemeinen Gehalt und die völlige Qualität von Gesetzen. Er hätte ihn mit seinem Wallenstein keineswegs unzufrieden gemacht, sondern er fühle, daß er ihm in allen wesent- lichen Forderungen Genüge geleistet habe und leisten werde. Daß er sich auch noch später bei Aristoteles Rat geholt hat, zeigt der Brief an Goethe vom 6. Juli 1802, in dem er schreibt:Ich wünschte, daß Sie von Wolf eine lateinische Übersetzung der Poetik des Aristoteles, die der verstorbene Reitz in Mserpt. zurückgelassen, sich verschaffen möchten.

Auch diese Schrift würde uns ein interessantes Thema zu künftigen Konferenzen über das Drama abgeben.

Schillers Stellung zur alten Kunst in der Annäherung und doch auch wieder im Gegensatze zu der modernen Kunst geht aus zwei Briefen an Goethe vom 7. Juli und vom 14. September 1707 hervor. An die Stelle des Winckelmann-Lessingschen Begriffs des griechischen Schönen setzt Schiller die Wahrheit, diese aber unterscheidet er scharf von der Wirklichkeit, von der gemeinen Deutlichkeit der Dinge ohne den goldenen Duft der Morgenröte.) Man habe das Charakteristische der griechischen Kunstwerke viel zu einseitig im Schönen gefunden, das Richtige und Treffende darin aber übersehen. Auch der Unter- schied in Inhalt und in der Behandlung der Kunstwerke sei nicht beachtet worden, sondern man Wollte den vatikanischen Apoll und ähnliche, durch ihren Inhalt schon schöne Gestalten, mit dem Laokoon, mit einem Faun oder anderen,peinlichen oder ignobeln Repräsentationen unter einer und derselben Idee von Schönheit begreifen. Mit der Poesie stehe es gerade so. Man wolle die derbe, oft niedrige und häßliche Natur im Homer und in den Tragikern mit den Begriffen durchbringen, die man sich von dem Griechisch-Schönen gebildet hat. Nicht Schönheit, sondern Wahrheit sei das Charakteristische der griechischen Kunst. Auch in seinen Untersuchungen über das griechische Trauerspiel komme er zu denselben Resultaten. Diese Worte Schillers gereichen ihm zur größten Ehre und zeigen aufs deutlichste, wie richtig und selbständig er über die Antike gedacht hat. Was heute mit

¹) S. Jonas, a. a. O., V., S. 532.