Aufsatz 
Schillers Verhältnis zum klassischen Altertum : ein Gedenkblatt zu Schillers hunderstem Todestag / von Primer
Entstehung
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45 Menschen hineingelegten Entwicklung, von der Goethe sagt: Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.) Neben diesen Faktoren schreibt er Goethe und den Alten die größte Einwirkung auf seine dichterische Entwicklung zu. So in dem Briefe an Humboldt vom 21. März 1700, wo es heißt:Es ist erstaunlich, wieviel realistisches schon die zunehmenden Jahre mit sich bringen, wieviel der anhaltendere Umgang mit Goethe und das Studium der Alten, die ich erst nach dem Carlos habe kennen lernen, bei mir nach und nach entwickelt hat. Goethe und das klassische Altertum nennt er auch sonst in diesem Sinne zusammen. Was er beiden verdankt, hat er wohl am schönsten ausgedrückt in dem Briefe vom 2. Juli 1706, den er an Goethe schrieb, als er dessen Wilhelm Meister gelesen hatte:Leben Sie jetzt wohl, mein geliebter, mein verehrter Freund. Wie rührt es mich, wenn ich denke, daß, was wir sonst nur in der weiten Ferne eines begünstigten Altertums suchen und kaum finden, mir in Ihnen so nahe ist. Im folgenden nennt er deutlich, was er bei den Alten gesucht und bei Goethe gefunden hat,die bewundernswürdige Natur, Wahrheit und Leichtigkeit der Schilderung.

Im steten Hinblicke auf beide, auf das klassische Altertum und auf Goethe, sind nun in rascher Folge seine Meisterdramen von Wallenstein an bis zum Demetrius entstanden. Was er durch beide für seine eigenen Werke gewonnen, hebt er z. B. in dem Briefe vom 4. April 1797 an Goethe und dem vom 7. April 1707 an Körner hervor.Ich finde, schreibt er da,je mehr ich über mein eigenes Geschäft und über die Behandlungsart der Tragödie bei den Griechen nachdenke, daß der ganze Cardo rei in der Kunst liegt, eine poetische Fabel zu erfinden.... lch habe dieser Tage den Philoctet und die Trachinierinnen gelesen, und die letzteren mit besonders großem Wohlgefallen. Wie trefflich ist der ganze Zustand, das Empfinden, die Existenz der Dejanira gefaßt. Wie ganz ist sie die Hausfrau des Herkules, wie individuell, wie nur für diesen einzigen Fall passend ist dies Gemälde, und doch wie tief menschlich, wie ewig wahr und allgemein. Auch im Philoctet ist alles aus der Lage geschöpft, was sich nur daraus schöpfen ließ, und bei dieser Eigentümlichkeit des Falles ruht doch alles wieder auf dem ewigen Grunde der menschlischen Natur. Es ist mir aufgefallen, daß die Charaktere des griechischen Trauerspiels, mehr oder weniger, idealische Masken und keine eigentlichen Individuen sind. So ist z. B. Ulysses im Ajax und im Philoctet offenbar nur das Ideal der listigen, über ihre Mittel nie verlegenen, eng- herzigen Klugheit; so ist Kreon im Oedip und in der Antigone blob die Kkalte Königswürde. Man kommt mit solchen Charakteren in der Tragödie offenbar viel besser aus, sie exponieren sich geschwinder, und ihre Züge sind permanenter und fester. Die Wahrheit leidet dadurch nichts, weil sie bloßen logischen Wesen ebenso entgegengesetzt sind als bloßen Individuen. lch sende Ihnen hier, pour la bonne bouche, ein allerliebstes Fragment aus dem Aristophanes, das mir Humboldt dagelassen hat. Es ist Kköstlich, ich wünschte, den Rest auch zu haben. ²) Drei Tage später schreibt er dann an Körner, daß Gespräche mit Goethe über epische und dramatische Kunst, verbunden mit der Lektüre des Shakespeare und Sophokles, die ihn seit mehreren Wochen beschäftigt habe, auch für seinen Wallenstein von großen Folgen gewesen seien, und da er bei dieser Gelegenheit tiefere Blicke in die Kunst getan, so müsse er manches in seinem Stücke verändern.

¹) Goethe, Urworte. Orphisch, AAIMQN. v. 7. u. 8. 1 ²) Es handelt sich um eine ungedruckt gebliebene Übersetzung des Aristophanes von Humboldt.