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dies sehr mit Unrecht. Einem W. v. Humboldt, einem der feinsten Kenner des Altertums gegenüber, mußte Schiller sein eigenes Können in den alten Sprachen wohl so gering an- schlagen. Es entspricht dies aber nicht völlig der Wahrheit. Wir haben oben gezeigt, daß Schiller außer dem Neuen Testament auch die Fabeln des Aesop und den Homer schon auf der Schule im Originale gelesen hat. Auch war auf der Karlsschule ein griechisches Lesebuch im Gebrauch, das ausgewählte Stücke aus verschiedenen Schriften des Altertums enthielt. Sonst hat Schiller sich und sein Verhältnis zum klassischen Altertum in diesem Briefe mit seltener Selbsterkenntnis geschildert und deutlich gezeigt, wie hoch er es schätzt nach dem Maßstabe der alten Dichter gemessen zu werden und den Vergleich mit ihnen auszuhalten.
Sehen wir so, welchen Wert Schiller darauf legte, sich dem klassischen Altertum als Dichter immer mehr zu nähern, so begreifen wir, daß er fortan aufs eifrigste bemüht war, in dieses immer tiefer einzudringen. Hieraus erklärt sich auch seine innige Freude, die er empfand, als es ihm gelungen war, Goethe als Freund zu gewinnen. In den nun folgenden Jahren sehen wir ihn immer von neuem seine Gedanken über die Antike mit Goethe austauschen, um zur Klarheit über den Wert des Altertums für unsere Zeit zu gelangen. Es kommt jetzt die Zeit des eifrigen Studiums der alten Klassiker, es kommen jetzt die zahlreichen Bekenntnisse, daß nur die Alten seinen Stil reinigen und ihm Klassizität zu geben vermögen. Die schönste Frucht, die die Freundschaft beider Dichter gezeitigt hat, ist die Klärung, die Schillers Geist in dieser Zeit durch Goethe in der Auffassung des Altertums erfuhr. Am 0. November 1795 schrieb er an W. v. Humboldt, er hätte mit Goethe viel über Griechische Literatur und Kunst gesprochen, und er hätte sich bei dieser Gelegenheit ernstlich entschlossen, was ihm längst schon im Sinne lag, das Griechische zu treiben.... Homer und Xenophon wolle er zuerst lesen. Er bittet sich von ihm eine gute Grammatik, ein Wörterbuch und eine Schrift aus, worin auf das Eigentümliche bei dieser Sprache hingewiesen wird.— Auch Lateinisch trieb er in dieser Zeit eifriger als sonst und wählte zur„nächtlichen Lektüre die lateinischen Poeten.“ Zu Juvenal, Persius und Plautus bat er sich von Humboldt eine französische oder deutsche Ubersetzung aus. Mit Martial und Horaz hoffte er auch ohne eine solche fertig zu werden.„Kann ich etwas besseres tun“, schreibt er,*)„als mich mit der ruhigen Vernunft und der schönen Natur der Alten zu umgeben?.... Was ich lese, soll aus der alten Welt, was ich arbeite, soll Darstellung sein.“ In einem Briefe an Goethe vom 20. Dezember 1795 fragt er an, ob ihm nicht schon der Gedanke gekommen wäre, ein Stück von Terenz für die neue Bühne zu versuchen. Es wäre doch in der Tat des Versuches wert. Die Adelphi des Terenz z. B. hätten„eine herrliche Wahrheit und Natur, viel Leben im Gange, schnell dezidierte und scharf bestimmte Charaktere und durchaus einen angenehmen Humor.“ Auch Properz las er in dieser Zeit und durchsuchte den Hygin nach Stoffen für seine Balladen.
Es ist selbstverständlich, daß bei dem Wachsen und Werden eines Genius wie Schiller die allerverschiedensten Faktoren mitgewirkt haben. Was bewirkt nicht allein „die allmächtige Zeit“, die allmählich das Reifen hervorbringt! Wieviel ist besonders der geistigen Anlage und angeborenen Kraft zuzuschreiben, und der von Anfang in den
¹) In dem P. S. zu dem Brief an Humboldt vom 20. November 1705.


