Versen, die so schwungvoll, so leicht, so fließend sind, wie kaum frgend welche anderen, an, daß sie in schwerer Krankheit gedichtet sind? Auch machte er sich in dieser Zeit daran, den Agamemnon des Aeschylus zu übersetzen. In einem Briefe vom 24. Oktober 1701 an Körner schreibt er, er mache sich an diese Übersetzung vorzüglich, um sich den Stil der griechischen Tragiker anzueignen. Als er gleich darauf die deutsche Ubersetzung des Aschyleischen Prometheus in Fesseln von Achtsnicht kennen lernte, urteilte er über dieses Werk:„Prometheus, der Held einer der schönsten Tragödien, ist gewissermahen ein Sinnbild der Tragõdie selbst.“*)— Die Ubersetzung des Vergil, die ihm so leicht von statten ging, erweckte in ihm die Lust, selbst ein Epos zu dichten. Er glaubte auch alle „Requisiten dazu zu besitzen, Darstellung, Schwung, Fülle, philosophischen Geist und An- ordnung. Nur die Kenntnisse fehlen mir“, schreibt er den 28. November 1701 an Körner, „die ein homerisierender Dichter notwendig brauchte, ein lebendiges Ganze seiner Zeit zu umfassen und darzustellen, der allgemeine über alles sich verbreitende Blick des Beobachters.“
Als der„Würgeengel“ an ihm vorübergegangen war und er sich vieder leidlich hergestellt fühlte, wandte er sich wieder der Kantischen Philosophie zu, die ihn schon längere Zeit ernstlich beschäftigt hatte. Aber auch die Antike verlor er nicht aus dem Auge. Am 11. Januar 1703 erbat er sich von Goeschen Winckelmanns Geschichte der Antiken und Lessings Laokoon. Auch die lliade in der Ubersetzung von Voß(den 4. Mai 1703) und Quintilians Institutiones Orationis läßt er sich von ihm schicken(den 5. Juli 1703). Bald zeigten sich denn auch die Früchte seines Fleißes, und er faßte den kühnen Plan, die vorzüglichsten Tragödien der Griechen in einer modernen und angenehmen Ubersetzung unter dem Titel Griechisches Theater bandweise herauszugeben.„Die Deutschen“, schrieb er am 20. März 1704 an Cotta,„haben noch kein solches Werk, obgleich die griechische Literatur bei uns weit mehr Nachfrage hat, als bei den Franzosen, die schon vom P. Brumoy ein ähnliches Werk besitzen. Ein Trauerspiel des Euripides, lphigenia von Aulis, habe ich bereits in der Thalia übersetzt. Herr Professor Nast vom hiesigen Gymnasium und Herr Diakonus Conz(beide sind lhnen als vortreffliche Griechen bekannt), würden sich mit mir zu diesem Werk associieren. lch glaube, ohne Obertreibung versprechen zu können, daß dieses Werk der deutschen Nation keine Schande machen sollte.... lch würde auch Gelegenheit nehmen, die hauptsächlichsten Schönheiten des griechischen Trauerspiels als überhaupt die ganze Theorie der tragischen Dichtkunst zu entwickeln.“ Mit letzterem scheint Cotta nicht einverstanden gewesen zu sein. Schiller schreibt ihm den 14. April 1704:„lch würde vor mir selbst erröten, wenn ich mir einen Augenblick einbilden könnte, daß die Arbeiten eines Sophokles, Euripides und Aeschylus durch meine Aufsätze und Empfehlungen erst ihren Wert erhalten müßten; aber soviel ist allerdings wahr, daß das Verdienst dieser Meister durch eine geschickte Auseinandersetzung mehr geltend gemacht werden kann.“ Leider blieb der ganze Plan unausgeführt.
Von der allergrößten Bedeutung für Schillers Entwicklung als Dichter war die im Jahre 1704 beginnende Freundschaft mit Goethe. Gleich in dem ersten, so berühmt ge- wordenen Briefe(lena den 23. August 17⁰4), in dem Schiller so wahr und tiefsinnig Goethes dichterische Eigenart charakterisiert, erkennt man, welchen Vorteil ein Zusammen- gehen beider großen Männer für Schiller haben müßte. Er konnte von dem zehn Jahre
¹) Kürschners D. Nat.-Lit. 120, XII, 2., S. 29.


