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Als der fierzog sich eine Abschrift von Schiller ausbat, fand dieser in der ursprünglichen Form der Briefe so viele Unvollkommenheiten, daß er ihnen jetzt eine fast neue Gestalt gab. In beiden Briefen hebt Schiller hervor, daß es im Altertum schon Männer gab, die die Künste durchaus nicht für eine Wohltat der Völker hielten, sondern sie als die größten Feinde der Menschheit verschrieen“. Er führt dagegen, wie er dies überhaupt oft und gern tut, einige lateinische Verse an, in denen der veredelnde Einfluß der Kunst gepriesen
wird, nämlich 1. Scilicet ingenium placida mollitur ab arte und 2.... Didicisse fideliter artes Emollit mores nec sinit esse feros*).
In der Abhandlung„Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet-(1784) sagt Schiller, der Dichter halte unbestechlich wie Rhadamanthus Gericht„Wienn keine Moral mehr gelehrt wird, keine Religion mehr Glauben findet, wenn kein Gesetz mehr vorhanden ist, wird uns Medea noch anschauern, wenn sie die Treppe des Palastes herunter- wankt, und der Kindermord jetzt geschehen ist').“
Schillers Begeisterung für die bildende Kunst der Griechen zeigt der Brief eines reisenden Dänen(1784), in dem er sich über den Antikensaal in Mannheim ausspricht.¹) Dieser Brief rührt sicher von Schiller her. Hier heißt es:„Empfangen von dem allmächtigen Wehen des griechischen Genius, trittst du in diesen Tempel der Kunst.... Du stehst auf einmal mitten im schönen, lachenden Griechenland, wandelst unter Helden und Grazien und betest an, wie sie, vor romantischen Göttern.“ Sein erster Blick sei auf die Kkolossalische Figur des Farnesischen Herkules gefallen— die ungeheuer-schöne Darstellung männlicher Kraft. Außerst feinsinnig und feinfühlend beschreibt Schiller diese Statue. Dann geht er zur Laokoongruppe über, der er auch begeistert Lob spendet. Die vollkommenste Figur des ganzen Saales ist nach seiner Ansicht der vatikanische Apoll. Er schließt sich der Auffassung von Winckelmann an, nach der der Augenblick dargestellt ist, wo der zürnende Gott den Drachen Python tötet.— Als eine der schönsten Statuen nennt er dann den von Apollo erschossenen Sohn der Niobe. Zu den besten Stücken zählt er auch den Antinous, die Zwillinge Kastor und Pollux, Kaunus und Byblis, den Faun, den Schleifer, den Herma- phroditen, die Mediceische Venus, den sterbenden Fechter, den Germanicus. Merkwürdig waren ihm auch die Büsten eines sterbenden Alexander, der Niobe, einer Tochter der Niobe, der Kleopatra, des Nero, des Caligula und einige mehr. Auch den blinden Homeruskopf sah er hier. Im Hinblick auf alle diese Kunstwerke spendet er den Griechen das größte Lob und meint, sie wären„eine unwidersprechliche, ewige Urkunde des göttlichen Griechenlands, jener goldenen Zeit, eine Herausforderung dieses Volks an alle Völker der Erde.“
Schiller hat zwei Stücke Goethes, den Egmont und die lphigenie, ausführlich kritisiert. In der Besprechung des Egmont(1788) geht er davon aus, daß es entweder außerordentliche Handlungen oder Leidenschaften oder Charaktere sind, die dem tragischen Dichter zum Stoff dienen. Die alten Tragiker hätten sich beinahe einzig auf außerordentliche Handlungen und Leidenschaften eingeschränkt. Darum finde man bei ihnen auch nur wenig Individualität, Ausführlichkeit und Schärfe der Charakteristik*). Die Griechen erreichten aber mit ihren
¹) S. 92 f. ²) Ovid 2. Pont 9. 47. ³) S. 100. ⁴) S. 200 f. ⁵) S. 274. 5*


