moralische Verderbnis treffe wie in seinem Timon. Selbst durch den boshaften Scherz, womit Aristophanes den Sokrates mißhandele, blicke eine ernste Vernunft hindurch.“)— Die Tristia des Ovid erkennt Schiller nicht als ein poetisches Werk an, weil viel zu wenig Adel in seinem Schmerze sei. Wir könnten ihm wohl diesen Schmer⸗ verzeihen, weil es das Zeitalter des Augustus und sein Rom war, was er aufgeben mußte, aber die Klagen seien zu subjektiv.²) So bespricht Schiller die besten Schriftsteller des Altertums, bestimmt ihren dichterischen Charakter und weist die einen von ihnen den naiven, die anderen den sentimentalischen Dichtern zu. Wenn er auch der Schönheit der homerischen Dichtung, wie der Einfalt, Naturwahrheit und Naivität der antiken Poesie überhaupt die Palme zu- weist, so tritt er doch auch für die Berechtigung der sentimentalischen Poesie und der modernen Dichter ein. Und wenn er auch neidlos in Goethe den größeren Dichter erkannte, so schrieb er doch auch seiner Art zu dichten, wie dem modernen ldealismus Berechtigung zu.— In einer Anmerkung(auf S. 405) meint Schiller, das Verhältnis der beiden(äeschlechter zueinander und die Liebe sei bei den Alten mit einer gewissen Leerheit geschildert, die alle Wahrheit und Naivität der Darstellung nicht verbannen könne. (Ahnlich äußert er sich in dem Briefe an Humboldt vom 17. Dez. 1795). Die Liebe sei eines edleren Charakters fähig, als ihr die Alten gegeben haben. Man sieht, er ist kein blinder Bewunderer der Alten, sondern hat auch den Mut sie zu tadeln. Schiller sieht den Grund hierfür darin, daß sie es verschmähten, die Natur durch die ldee zu ergänzen, oder was dasselbe ist, weil ihre Dichter nicht sentimental, sondern naiv waren. Schiller hatte damals die Eigentümlichkeit der Stellung des Weibes bei den Griechen noch nicht erkannt. Später hat er, wie wir sehen werden, sein Urteil in mancher Beziehung geändert.“ Außerdem bleibt es wahr, was schon W. v. Humboldt gesagt hat, Schiller hat das weibliche Geschlecht nur wenig gekannt, und seine eigenen Frauengestalten lassen sehr„die Farbe der Natur“ vermissen.
Auch in Schillers philosophischem Nachlasse finden wir einige Urteile über die Antike, und zwar, was bei Schiller nicht gerade häufig ist, auch über Werke der Bildkunst. So sagt er in seinen Fragmenten aus seinen ästhetischen Vorlesungen,“) die allerregelmäßigsten Gestalten sind gerade noch nicht die schönsten, z. B. Polyklets Kanon sei zwar eine sehr regelmäßige, aber nicht schöne Figur. Kanon oder die Regel hieß früher Polyklets berühmter Doryphoros.— An einer anderen Stelle seiner Vorlesungen heißt es ⁵):„Freiheit der Form, das Resultat der sich selbst beschränkenden Kraft, macht die Schönheit aus. So schwebt gleichsam der Vatikanische Apoll; denn keine Masse hindert ihn, seine ganze Kraft zu brauchen.“
Im philosophischen Nachlaß Schillers finden sich sieben Briefe von ihm an flerzog Friedrich Christian von Schleswig-Holstein-Augustenburg, von denen der dritte an einzelnen Stellen fast wörtlich mit dem zehnten Brief in Schillers Abhandlung Über die ästhetische Erziehung des Menschen übereinstimmt. Die Briefe an den Herzog waren durch den Brand des Schlosses in Kopenhagen am 26. Februar 1704 vernichtet worden.
*) Vergl. z. B. seinen Brief an Goethe vom 4. April 1797, wo er sagt, die Deianira in den Trachinierinnen sei „tief menschlich und ewig wahr“ geschildert.
⁴) XII, 2, S. 11.
*) S. 19.


