Aufsatz 
Schillers Verhältnis zum klassischen Altertum : ein Gedenkblatt zu Schillers hunderstem Todestag / von Primer
Entstehung
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gleich zu Anfang angegeben, was er im allgemeinen unter naiver, was unter senti- mentalischer Dichtung versteht, in der naiven ragt die Anschauung über die Empfindung hervor, in der sentimentalischen die Empfindung über die Anschauung macht er auf den Unterschied aufmerksam, der sich in der Naturauffassung bei den Griechen und bei den Neueren findet. Obgleich eine herrliche Natur die Griechen umgab, und obgleich dieses Volk unter seinem glücklichen Himmel sehr vertraut mit der Natur leben konnte, findet sich in ihren Dichterwerken, so treu diese auch die Natur wiedergeben, nichts Sentimentales, wie bei uns. Die Alten sind viel natürlicher als wir. Das Gefühl, womit wir an der Natur hangen, ist dem Gefühle nahe verwandt, womit wir die entflohene Kindheit und Unschuld beklagen. Eine derartige Empfindsamkeit kannten die Griechen nicht.)Bei ihnen allein artete die Kultur nicht soweit aus, daß die Natur darüber ver- lassen wurde.... Ihre Götterlehre selbst war die Eingebung eines naiven Gefühls, die Geburt einer fröhlichen Einbildungskraft, nicht der grübelnden Vernunft, wie der Kirchen- glaube der neueren Nationen. Die Griechen empfanden natürlich. Allerdings veränderte sich allmählich ihre Empfindungsweise. Auch sie entfernte sich in späterer Zeit von der Natur. Sie ist bei Euripides schon ganz anders, als sie bei Aeschylos war, und die Römer entfernten sich noch weiter von der Natur.) Als Muster eines naiven Dichters nennt er fiomer und macht dies klar an der Scene im 6. Buche der llias, wo Glaukos und Diomedes aufeinanderstoßen, und, nachdem sie sich als Gastfreunde erkannt haben, ein- ander Geschenke geben und von neuem Freundschaft geloben.) Keinem Vernünftigen, meint Schiller, wird es einfallen, in solchen naiven Zügen, in denen Homer so groß ist, irgend einen Neueren ihm an die Seite stellen zu wollen, und es sei lächerlich, wenn man einen Klopstock mit dem Namen eines neueren Homer beehrt. Ebensowenig könne aber auch ein alter Dichter die Vergleichung mit einem modernen Dichter in dem, was diesem charakteristisch ist, aushalten. Der Neuere sei mächtig durch die Kunst des Unendlichen., der antike durch die Kunst der Beschränkung. Von den Künstlern gelte ganz dasselbe. Auch seine Stärke sei die Begrenzung, und hieraus erkläre sich der große Vorzug, den die bildende Kunst des Altertums über die der neueren Zeiten behauptet, und das ungleiche Verhältnis des Werts, in dem die Kunst heute und im Altertum steht. Ein Werk für das Auge, wie ein Bildwerk, finde nur in der Begrenzung seine Vollkommenheit, ein Bild für die Einbildungskraft könne sie auch durch das Unbegrenzte erreichen. In plastischen Werken heffe daher dem Neueren seine Oberlegenheit in ldeen wenig;: hier sei er genötigt, das Bild seiner Einbildungskraft auf das genaueste im Raum zu bestimmen und sich selbst folglich mit dem alten Künstler gerade in der Eigenschaft zu messen, worin dieser seinen unbestreitbaren Vorzug hat. In poetischen Werken sei es anders, und siegten gleich die alten Dichter auch hier in der Einfalt der Formen und in dem, was sinnlich darstellbar und körperlich ist, Sso könne der Neuere sie wieder im Reichtum des Stoffes hinter sich lassen.¹) Um das Wesen der Satire klar zu machen, zieht Schiller besonders griechische Schriftsteller heran. Wo Lucian die Ungereimtheit züchtige, wie in den Lapithen, ergötze er uns durch seinen Humor; ein ganz anderer Mann aber sei er, wo seine Satire auch die

¹) S. 357 f. ²) S. 3600. 5) S. 363. *) S. 368.