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nicht die„energische“ Schönheit, die er meine. Die Schönheit müsse das Gemüt in eine mittlere Stimmung zwischen Sinnlichkeit und Vernunft setzen, mit anderen Worten, der Mensch müsse ästhetisch erzogen werden. Der Weg ist allerdings lang, den der Wilde zu durchmessen hat, bis er soweit kommt. Aber auch er hat Freude am Schein, Neigung zu Putz und Spiel. Sittliche Neigungen treten allmählich an Stelle der Triebe. Hat so die Kunst im allgemeinen eine hohe Aufgabe in der brziehung des Menschengeschlechts, so hat im besonderen die griechische Kunst die größte Bedeutung, da sie sich in der Jugend der Menschheit unter den günstigsten Bedingungen am schönsten entwickelte.— Im fünfzehnten Briefe sagt Schiller, daß man aus den Volksspielen eines Volkes seinen Nationalcharakter erkennen könne. Wenn sich die Griechen in Olympia an den unblutigen Wettspielen der Kraft, der Schnelligkeit, der Gelenkigkeit und an dem edleren Kampfe der Talente ergötzten, das römische Volk sich an Gladiatorenkämpfen erfreute, so werde es allein hieraus begreiflich, warum wir die ldealgestalten einer Venus, einer Juno, eines Apolls nicht in Rom, sondern in Griechenland finden. Hier spricht Schiller seinen Hauptsatz aus, auf den die ganze Untersuchung hinzielt, der Mensch spiele nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch sei, und er sei nur da ganz Mensch, wo er spiele.„Dieser Satz lebte und wirkte schon lange in der Kunst und in dem(efühle der Griechen, ihrer vornehmsten Meister; nur daß sie in den Olymp versetzten, was auf der Erde sollte aus- geführt werden.“ Aus dem Gesichte der Götter ließen sie die Furchen der Arbeit, wie die Linien der Lust, wie die Menschen sie tragen, verschwinden. Die Götter waren frei von dem Zwange der Naturgesetze und des Sittengesetzes. Aus dem herrlichen Antlit⸗z einer Juno Ludovisi spreche beides zugleich, Anmut und Würde. In diesem Sinne sagt Schiller auch in seinem herrlichen Gedichte„Das ldeal und das Leben“„Zwischen Sinnen- glück und Seelenfrieden Bleibt dem Menschen nur die bange Wahl, Auf der Stirn der hohen Uraniden Leuchtet ihr vermählter Strahl.“— Nur Unverstand konnte Schiller tadeln, daß er, um den Menschen ästhetisch zu erziehen, das, Spiel an Stelle des Ernstes des Lebens gesetzt habe. Dem starren Pflichtbegriffe Kants räumte er allerdings diese bildende Kraft nicht ein, die die Schönheit besitzt. Die Freude am Schönen ist ihm aber nicht bloß ein leeres Wohlgefallen an der Form, sondern eine den ganzen Menschen emporhebende Kraft.„Den höchsten der sittlichen Begriffe“, sagt Wendt,“)„zieht er heran, um sich das Wesen der Schönheit klar zu machen, indem er sie als Freiheit in der Er— scheinung auffaßt, und nun weist er nach, wie Verständnis und Pflege des Schönen nichts geringeres bedeutet, als Versöhnung der sinnlichen und sittlichen Seite der menschlichen Natur.“— Um das höchste Ziel im Reich des schönen Scheins zu bezeichnen, sagt Schiller im Schluß dieser gedankenreichen Abhandlung sehr treffend:„Die Kraft muß sich binden lassen durch die Huldgöttinnen, und der trotzige Löwe dem Zaum eines Amors ge- horchen“(S. 316).
Eine ebenso wichtige Schrift, wie die eben besprochene, ist die Abhandlung Uber naive und sentimentalische Dichtung(1705/96). Schiller wollte darin sich selbst Rechen- schaft geben, inwiefern die Neueren im Vergleich zu der unerreichbaren Vortrefflichkeit der griechischen Dichter überhaupt noch echte Dichter sein könnten, und inwiefern er sich selbst gegenüber der gewaltigen Dichtergröße Goethes behaupten könne.*) Nachdem er
¹) Eröffnungsrede der Karlsruher Philologen-Versammlung 1882. S. 13. ²) Vergl. H. Hettner, Literaturgeschichte. III Bd., Erster Abschn. 173.


