Aufsatz 
Schillers Verhältnis zum klassischen Altertum : ein Gedenkblatt zu Schillers hunderstem Todestag / von Primer
Entstehung
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werden, wie im griechischen Chor, Betrachtungen an die erzählten Ereignisse angeschlossen, die Resultate des Lebens gezogen und die Sprüche der Weisheit ausgesprochen. In einem Briefe an W. v. Humboldt(vom 18. August 1803), spricht sich Schiller selbst über die Entstehung dieses Gedichts aus. Es ist in der Absicht entstanden, dem gesellschaftlichen Gesange einen höheren Text unterzulegen. Die Lieder der Deutschen, die man in fröhlichen Zirkeln singen hört, schlagen nach Schillers Ansicht alle in einen platten, prosaischen Ton ein, Weil das Leben keinen Stoff zur Poesie gebe. Deswegen wählte er den poetischen Boden der homerischen Zeit und ließ die alten Heldengestalten der llias darin auftreten. So komme man doch aus der Prosa des Lebens heraus und wandle in besserer Gesellschaft. Das Gedicht führt uns also mitten unter die Helden von Troja,in das volle Saatenfeld der Ilias;¹) es stellt uns das Geschick der Großen in ergreifender Weise vor Augen, um mit dem bei griechischen Dichtern sich vielfach findenden Gedanken zu enden:Rauch ist alles ird'sche Wesen.... Morgen können wir's nicht mehr, Darum labt uns heute leben! Durch das wunderbar stimmungsvolle und ganz eigenartig berührende Gedicht weht echt griechischer Geist und echt antikes Empfinden, sodaß es zu Schillers großartigsten Schöpfungen zu rechnen ist.

bharakteristik der Lyrik Schillers

Wir könnten noch sehr viele andere Gedichte Schillers anführen, die antike Stoffe behandeln oder sonst an das Altertum erinnern. Sie machen ungefähr ein Drittel seiner gesamten Gedichte aus. Aber auch in den anderen, die moderne Stoffe behandeln, sind die Bilder, die Gleichnisse, einzelne Gedanken, die Auffassung so oft dem Altertum ent- nommen, wie wohl bei keinem Dichter der Welt. Es wird wohl kaum ein größeres Gedicht Schillers geben, wo er sich nicht der griechischen Mythologie bedient, um seine Gedanken in ihre reichen Gestalten einzukleiden. Die Majestät Gottes ist bei ihm Jovis Thron, der neitere Himmel ist der unbewölkte Zeus, der Tod ist bei ihm der Fürst der Schatten, der acheront'sche Kahn oder das stygische Boot, die Bühne Thespis' Wagen, das Meer Amphitrite. Er sagt nicht vor der Sündflut, sondern vor Deukalion, nicht der Jahres- wechsel, sondern der Tanz der Horen. Will Schiller sagen, die Wünsche in des Menschen Brust erneuern sich immer und immer wieder, so nimmt er das Bild von der Hydra, deren Köpfe immer wieder doppelt herauswuchsen, wenn Herkules einen abgeschlagen hatte. Anstatt zu sagen, das Kind war vom Glück begünstigt, sagt Schiller, Venus hat es im Arme gewiegt, Phoebus hat ihm die Augen, Hermes die Lippen gelöst, Zeusrhat ihm das Siegel der Macht auf die Stirn gedrückt, es hat die Charis erlangt, es bezwingt die Parze, Zeus sendet seinen Adler, um es in himmlische Höhen zu tragen, Poseidon ebnet ihm das Meer. Um das Mißverhältnis auszudrücken, in dem der Dichter oft zur Wirklickeit steht, dichtet erPegasus im Joche oder zeigt uns in derTeilung der Erde den Dichter neben Zeus auf seinem Throne. Um zu sagen, wen Gott lieb hat, dem gibt er das Glück im Schlafe, sagt er, er kommt wie Odysseus schlafend nach lthaka. Anstatt zu sagen, die Kultur entwickelt sich immer mehr und mehr, sagt Schiller, Ceres bringt des Pfluges

¹) Brief an Goethe vom 24. Mai 1803.