— 4. räte, Fähndriche, Sekretärs oder Husarenmajors, Und die Natur, die„auf unsern Bühnen sich wieder splitternackend zeigt, daß man jegliche Rippe ihr zählt.“ Wir finden„uns selbst und unsre guten Bekannten, unsern Jammer und unsere Not.“
Das Jahr 1707, das Balladenjahr, ist reich an Gedichten, deren Stoff der Antike ent- nommen ist. In einigen, wie im Ring des Polykrates(1707), ist nicht nur die Begebenheit dem Altertum entlehnt, sondern auch die Auffassung, so der Gedanke von der Un- beständigkeit eines ungewöhnlich großen Glückes, wie der vom Neide der Götter. Den König ereilt die Nemesis, weil er in seinem Glücke an dessen Unbeständigkeit zu denken verlernt hatte. Bei Schiller finden wir nicht selten einen ähnlichen Glauben an die Ab- hängigkeit von einer höheren Macht, deren wir gerade dann am wenigsten sicher sind, wenn wir in ihrem vollsten Besitze zu sein glauben. Nach seinem eigenen Geständnisse hat Schiller den Stoff zu diesem Gedichte aus Herodot(B. III. c. 30— 43) genommen, ja auch die ldee vom Neide der Götter fand er schon bei Herodot.
Eine der schönsten Balladen, die unsere Literatur kennt, sind wohl Die Kraniche des lbykus(1797). Ohne Zweifel war Schiller mit allem bekannt, was das Altertum über diese berichtet. Bei Plutarch und anderen griechischen Schriftstellern fand er den Gedanken von dem geheimnisvollen Walten der Nemesis, durch das auch der verborgenste Mord ans Licht kommt, wie auch die Notiz, daß die Mörder sich im Theater verrieten. Dies brachte ihn auf den Gedanken, die Macht der künstlerischen Darstellung über das menschliche Herz als Haupthebel zur Entdeckung der Mörder zu verwenden. Da er nun gerade in dieser Zeit die Orestie des Aeschylus in W. v. Humboldts Ubersetzung studierte und selbst lebhaft die gewaltige Kraft des Eumenidenchors empfand, war es sehr natürlich, daß er hiervon auch in seinem Gedichte Gebrauch machte. Die Anlehnung an Aeschylus in der Beschreibung der Erinnyen und ihres Gesanges geht bis ins einzelne. Auch die ldee, daß die Götter den Sänger als ihren Liebling schützen und das ihm angetane Unrecht rächen, ist echt griechisch.
Auch Das Eleusische Fest(1708) ist durch und durch von griechischem Geiste durch- weht. Wie W. v. Humboldt berichtet,“) war die Entwicklung des rohen Naturmenschen zur Kultur eine Lieblingsidee Schillers, bei der seine Phantasie besonders gern verweilte. Was die griechische Mythologie hiermit Verwandtes bot, hielt er mit Begierde fest.„Ganz den Spuren der Fabel getreu, schreibt Humboldt, bildete er Ceres, die Hauptgestalt in diesem Kreise, indem er in ihrer Brust menschliche Gefühle mit göttlichen sich paaren ließ, zu einer ebenso wundervollen als tief ergreifenden Erscheinung aus. Es war lange ein Lieblingsplan Schillers, die erste Gesittung Attikas durch fremde Einwanderungen episch darzustellen. Das eleusische Fest ist an die Stelle dieses unausgeführt gebliebenen Planes getreten. Ceres kommt in diesem Gedichte, um ihre verlorene Tochter zu suchen, an eine ferne Küste, wo man ihr eine blutgefüllte Schale als Opfer darreicht. Mit Entsetzen wendet sie sich ab. Sie furcht die Erde, legt ein Korn aus ihrem Ahrenkranze hinein und sofort schmückt sich das Feld mit grünen Halmen. Nun steigen alle Götter vom Himmel herab, um die Menschen mit ihren Gaben zu beglücken. Themis mißt durch einen Grenz- stein jedem sein Recht ab, Hephästus bringt den Pflug, Minerva gibt feste Stadtmauern,
¹) In der Einleitung seines Briefwechsels mit Schiller. Vergl. Boxberger, a. a. O., S. 38.


