Aufsatz 
Schillers Verhältnis zum klassischen Altertum : ein Gedenkblatt zu Schillers hunderstem Todestag / von Primer
Entstehung
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Darin sagt er?, es wäre jedem Übersetzer unmöglich, mit der Schönheit des Vergilischen Verses zu ringen. Dieser reiße mit magischer Gewalt dahin und zeige eineseltene Mischung von Leichtigkeit und Kraft, Eleganz und Größe, Majestät und Anmut. Den römischen Dichter unterstütze bei diesen Schönheiten vor allem seine Sprache. Er verbittet sich, seine Obersetzung mit der unerreichbaren Diction des römischen Dichters zu vergleichen. Wie allem, was Schiller ergriff, so hat er auch seiner Vergil-bersetzung den Stempel seines großen Geistes aufgedrückt. Man kann sich, wenn man des Lateinischen nicht mächtig ist, wohl durch nichts einen besseren Begriff von der Schönheit der Vergilschen Aeneis machen, als wenn man Schillers herrliche Übersetzung liest. Sie ist zwar sehr frei, manches ist ausgelassen, anderes erweitert, es fehlt nicht an Mißverständnissen; seine Verse haben aber eine Pracht der Sprache, wie sie sich vielleicht nirgends bei ihm schöner findet. Dabei behandelt er den Stoff mit spielender Leichtigkeit. Auch von dem sechsten Buche beabsichtigte er Bruchstücke zu übersetzen. Das Herabsteigen des Aeneas in die Unterwelt in diesem Gesange war nach dem Zeugnisse seiner Gattin seine Lieblingspartie. Er übersetzte ihr diese Verse oft aus dem Stegreif. Eine gedruckte Ubersetzung dieses Briefes ist nicht erschienen.

Dritte Periode.(Von 1700 1805.)

Am nachhaltigsten und schönsten zeigt sich aber der Einfluß, den Schillers Muse durch sein Studium des Altertums erfuhr, in den Gedichten der dritten Periode. Eine große Menge behandelt direkt antike Stoffe, andere sind zwar durch seine Beschäftigung mit der Philosophie oder der Geschichte hervorgerufen worden, aber auch in ihnen liebt es Schiller, seine Gedanken in ein antikes Gewand zu kleiden. Ein Gedicht der ersteren Art ist Die Klage der Ceres(1700), das der griechischen Mythologie entnommen ist. Zu Grunde liegt die Sage vom Raube der Proserpina durch Pluto, die von verschiedenen Dichtern des Altertums erzählt wird. Schiller hat dieser Sage eine allegorische Bedeutung gegeben. Die Blumen, mit denen sich jedes Jahr die Erde schmückt, sind ein Gruß, den Proserpina, der es versagt ist, zur Oberwelt zurückzukehren, der geliebten Mutter sendet. Die Tochter ist ein Sinnbild des Samenkorns, das im Winter im dunklen Schoße der Erde ruht und im Lenze an das Licht der Sonne gelockt wird. Und so schickt denn in jedem Frühlinge die Tochter der Mutter diese Liebesboten, diesen duftigen Blumengruß, und alljährlich redet von neuem die Tochter mit der Mutter in dieser anmutigen Blumensprache.

Eine ganz besondere Stellung nimmt das Gedicht Shakespeares Schatten(1706) ein. Es ist eine Parodie der Nekyia im eflten Buche der Odyssee, zugleich aber auch der Frösche des Aristophanes, in denen Dionysos in die Unterwelt hinabsteigt, um sich einen guten Trauerspieldichter heraufzuholen. Hier geht Herkules in die Unterwelt, um Tiresias zu fragen, wo er den alten Kothurn finden könne. Da heißt es denn:Glauben sie nicht der Natur und den alten Griechen, so holst du Eine Dramaturgie ihnen vergeblich herauf. Das Ganze ist eine herbe Klage über die Misere unserer Schaubühne. Denn es darfkein Caesar auf euren Bühnen sich zeigen, kein Achill, kein Orest, keine Andromache mehr? Woher nehmt ihr denn aber das große, gigantische Schicksal, welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt? Dafür haben wir jetztPfarrer, Kommerzien-

¹) Deutsche National-Literatur von Kürschner, Bd. 120, XII. 2, S. 381 ff.