Aufsatz 
Schillers Verhältnis zum klassischen Altertum : ein Gedenkblatt zu Schillers hunderstem Todestag / von Primer
Entstehung
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Diego, und sie leiden alle die gerechte Strafe für ihre Vergehungen. Die gewaltige tragische Wirkung dieses Stückes beruht vor allem darauf, daß all' das Schreckliche, was wir voll Furcht voraussehen, unaufhaltsam zur Gewißheit wird, und dabei unser Mitleid für die beteiligten Personen, wie dies Aristoteles verlangt, sich fort und fort steigert. Schiller nat mit diesem Stücke das höchste geleistet, was die deutsche Bühne aufzuweisen nat, und wir müssen dem voll und ganz zustimmen, was er selbst nach der ersten Aufführung an Körner schreibt(am 28. März 1803/: lceh kann wohl sagen, daßh ich in der Vorstellung der Braut von Messina zum erstenmal den Eindruck einer wahren Tragödie bekam. Der Chor hielt das Ganze trefflich zusammen, und ein hoher furchtbarer Ernst waltete durch die ganze Handlung. Goethe ist es auch so ergangen, er meint, der theatralische Boden wäre durch diese Erscheinung zu etwas Höherem eingeweiht worden. Wir sind der Ansicht, heute, wo der Naturalismus sich überall in der Kunst wieder hervordrängt, müßten die Gegner dieser Richtung ein Stück wie die Braut von Messina unendlich hochschätzen und müßten in Schiller den Dichter sehen, der uns vor den Gefahren der neuen Kunstrichtung schützen kann. Auch heute gilt, was Schiller schon vor hundert Jahren beklagt hat:O die Natur, die zeigt auf unsern Bühnen sich wieder Splitternackend, daß man jegliche Rippe ihr zählt. Dem gegenüber vertritt Schiller den StandpunktDer Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen, Und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen. Es würde uns zu weit führen, im einzelnen alles das anzuführen, was in diesem Stücke dem Altertum entnommen ist oder an dieses erinnert. Die Sprache ist fast durchweg äschyleisch. Der Ton der antiken Tragödie ist überall gut getroffen; überall begegnen wir antiken Vorstellungen. Nur das wichtigste wollen wir kurz hervorheben. Wie die ganze ldee des Bruderzwistes den Phoenissen des Euripides entnommen ist, so ist die Exposition dem Prologos dieses griechischen Stückes nachgebildet. Auch die ersten Szenen der perser, sowie der Sieben gegen Theben von Aeschylus sind benutzt. Dem König Oedipus ist besonders viel entnommen, 80 die Schürzung des Knotens, die jähe Peripetie, die tragische Katastrophe, die Träume und ihre Auslegung, das Verbergen des Kindes, seine Rettung und sein heimliches Aufwachsen in Unkenntnis seiner Abkunft, die Lästerung der Seher und der Orakelsprüche, die freiwillige Sühne, die die Schuldigen an sich selbst vollziehen. Der griechischen Bühne ist der Gebrauch entnommen, die neu auftretenden Personen vorher mit Namen zu nennen, damit der Zuschauer im Klaren ist, wen er auf der Bühne erblickt. Ebenso hat Schiller dem Altertum abgelauscht, besonders pathetische Stellen, die eine Person sagt, von dem ganzen Chor wiederholen zu lassen. Auch macht er von der Stichomythie, d. h. von der binrichtung Gebrauch, im erregten Gespräche jede Person herüber und hinüber immer mit einem einzigen Verse sprechen zu lassen. Wie im griechischen Drama die Glück verkündenden Boten mit bekränztem Haupte und mit Zweigen erscheinen, die mit Binden umwunden sind, so sagt auch Diego von sichMein Botenstab ergrünt von frischen Zweigen. Um an die antike Tragödie zu erinnern, hat Schiller auch in diesem Stücke, wie in der Montgomery-Scene in der Jungfrau von Orleans, eine Scene in Trimetern, dem Versmaße des antiken Dramas, gedichtet(Akt IV, Sc. 8). Was im einzelnen an die alten Tragiker und andere Dichter des Altertums erinnert, hier anzuführen, gestattet der Raum nicht.)

²) Wir verweisen hierfür auf die sorgfältigen Anmerkungen von Boxberger-Birlinger in ihrer Ausgabe der Braut von M. in Kürschners D. Nat.-Lit. und auf Gerlingers Schrift, die gr. Elem. i. Sch. Br. v, M. Neuburg a. D. 1802.