Aufsatz 
Schillers Verhältnis zum klassischen Altertum : ein Gedenkblatt zu Schillers hunderstem Todestag / von Primer
Entstehung
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17 Dritte Gattung. Nachahmung der alten Tragödie nach der strengsten griechischen Form.

Wir kommen zu der dritten Gattung der Dramen Schillers, die das Streben zeigen, die Schönheiten und die Eigenart des antiken Dramas im deutschen Drama nachzubilden und in strengster griechischen Form zur Geltung zu bringen. Hierher gehört vor allem Die Braut von Messina(1803), die im ausgesprochen klassischen Stile gedichtet und fast eine griechische Tragödie zu nennen ist. In ihr ist der Geist der Antike in Form und Inhalt lebendig geworden. Sie ist trotz mancher Mängel im Aufbau des Stoffes, die aufzu- führen hier nicht der Platz ist, der höchste Flug, den der deutsche Kunstidealismus in der Dichtung genommen hat. Schiller hat sich selbst vielmals geäußert, was ihn veranlaßte, diese Tragödie zu dichten, So z. B. in dem Briefe an Körner vom 9. September 1802. Da heibt es:Ich bedurfte eines gewissen Stachels von Neuheit in der Form und einer solchen Form, die ein Schritt näher zur antiken Tragödie wäre, welches hier wirklich der Fall ist, denn das Stück läßt sich wirklich zu einer äschyleischen Tragödie an. Um sie zu einem solchen Kunstwerke zu gestalten, mußte Schiller die antike Schicksalsidee und den antiken Chor in das moderne Stück einführen. Beides ist ihm zum Vorwurfe gemacht worden. An die antike Schicksalsidee, so heißt es, glauben wir nicht mehr, und der Chor ist uns fremd auf der Bühne. Außerdem habe ihn Schiller nicht so wie die alten Tragiker ge- braucht, sondern ihn in zwei Teile geteilt. Alle diese Einwürfe sind hinfällig. UÜber den Gebrauch des Chors in der Tragödie hat sich Schiller selbst in seiner Abhandlung, die er dem Stücke vorausschickt, aufs klarste und richtigste geäußert. Der Chor ist bei ihm nur da geteilt, wo er eine handelnde Person ist, ähnliches findet sich auch in der griechischen Tragödie, auch da ist er nicht immer nur ein idealer Zuschauer wo er aber seine eigentliche Aufgabe erfüllt, nämlichdie großen Resultate des Lebens zu ziehen und die Lehren der Weisheit auszusprechen, da ist er, wie bei den Griechen, immer eins mit sich selbst. Schiller versprach sich von der Nachahmung der griechischen Tragödie und von der Einführung des Chors eine gewaltige Hebung unserer Bühne. Ganz besonders durch den Chor sollte die Hauptwirkung in dieser Tragödie erzielt werden. Er sollte, so un- gefähr drückt sich Schiller aus, dem Naturalismus in der Kunst offen und ehrlich den, Krieg erklären und uns eine lebendige Mauer sein, die die Tragödie um sich herumzieht, um sich von der wirklichen Welt rein abzuschließen und sich ihren idealen Boden, ihre poetische Freiheit zu bewahren. Er sollte ein Kunstorgan sein, das die Poesie hervor- bringen hilft und alle Gestalten des Stücks auf einen hohen Kothurn hebt. Er sollte auch Leben in die Sprache und Ruhe in die Handlung bringen. Wie Schiller so zwar ein Nachahmer der Alten, aber ein selbständiger Nachahmer ist, so ist er es auch bei der Aufnahme der antiken Schicksalsidee in das moderne Drama. Er hat zwar das Schicksal in seinem Drama ähnlich walten lassen, vie es im Sophokleischen König Oedipus im Hlause des Laios waltet. Wie dort auf den Labdakiden ein Fluch lastet, der trotz aller Hlinderungsversuche in Erfüllung geht, so ist es auch hier bei dem Fürstenhause von Messina. Aus dem Pluche des Ahnherrn und althergeleiteten Zwistigkeiten leitet sich der Bruderhaß her. Aber als ein echter Dichter hat Schiller uns gemäß unserer geläuterten Auffassung von Schuld und Sühne vor dem Schrecklichen bewahrt, die Personen seines Stückes unschuldig leiden zu lassen. Sie haben alle etwas Verstecktes, Verschlossenes, Verschwiegenes. Sie verstricken sich alle in Schuld, von der Fürstin bis zu dem Diener