Aufsatz 
Schillers Verhältnis zum klassischen Altertum : ein Gedenkblatt zu Schillers hunderstem Todestag / von Primer
Entstehung
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lasen wir in der Odyssee, und eine Scene aus den Phönizierinnen des Euripides hätte uns bald Tränen gekostet. Die schöne Scene, worin Jokaste sich die Ubel der Verbannung von Polynices erzählen läßt, ist es, die er meint und die ihn bestimmt hat, dieses Stück zu übersetzen.Ich bedaure nur, schreibt er am 27. November 1788 an Karoline v. Beulwitz, daß ich bei diesen Arbeiten zu sehr pressiert bin, und mich nicht genug mit dem Geist meines Originals familiarisieren konnte, ehe ich die Feder ansetzte. Aber die Arbeit gibt mir Vergnügen und kann am Ende doch keine andre als vorteilhafte Wirkungen auf meinen eigenen Geist haben. Und am 4. Dezember 1788 schreibt er:Mein Euripides gibt mir noch viel Vergnügen, und ein großer Teil davon kommt auch auf sein Altertum. Den Menschen sich so ewig selbstgleich zu finden, dieselben Leidenschaften, dieselben KXollisionen der Leidenschaften, dieselbe Sprache der Leidenschaften. Bei dieser unendlichen Mannigfaltigkeit immer doch diese Ahnlichkeit, diese Einheit derselben Menschenform. Oft ist die Ausführung so, daß kein anderer Dichter sie besser machen könnte. In demselben Briefe teilt er mit, daß er mit einer Ubersetzung vom Agamemnon des Aeschylus umgehe, auf den er alle Mühe verwenden wolle, weil dieses Stück eins der schönsten sei, die je aus einem Dichterkopfe gekommen sind. Bekanntlich ist Schiller zu dieser Uber- setzung leider nicht gekommen.

Merkwürdigerweise behandeln auch die beiden Trauerspiele, die Schiller aus dem Französischen zur Ubersetzung gewählt hat, antike Stoffe, Racines Phaedra und Britannicus. Die Phaedra(1805) ist eine Bearbeitung des Euripideischen Hippolytos und galt zu Schillers Zeit für das größte Meisterwerk der französischen Bühne. Schiller übersetzte sie für den Weimarer Hof, der noch eine große Vorliebe für das klassische französische Theater natte. Der Britannicus(1805) blieb Fragment. Der Tod ereilte Schiller, ehe er die Obersetzung beenden konnte. Es liegt nur das Gespräch zwischen Albina und Agrippina vor.

IIn Schillers Nachlasse finden sich mehrere Entwürfe zu Dramen, von denen zwei den Stoff dem Altertum entnehmen, nämlich Agrippina(1800) und Themistokles(1803). Schiller hat sich ausführlich geäußert, was ihn an dem Stoff der Agrippina reizte, und weshalb er ihn zu einem Trauerspiele für besonders geeignet hielt. Es ist vor allem die tragische Schuld der Agrippina und der Charakter ihres Sohnes Nero, die ihm einer dramatischen Bearbeitung wert schienen. Er hatte vor, sich im wesentlichen an Tacitus zu halten. Auch über Octavia, Neros Gemahlin, Seneca und Burrus und ihre Verwendbarkeit für ein Schauspiel hat Schiller seine Gedanken geäußert.

Auch den Tod des Themistokles wollte Schiller in seinen letzten Jahren zu einem Trauerspiele verwenden. Er wollte den Kampf zwischen dem Gefühle der Rache gegen seine Landsleute, die ihn verbannt hatten, und der unbezwingbaren Vaterlandsliebe dar- stellen. Die Ehrsucht sollte seine tragische Schuld sein. Den Stoff wollte er ganz aus den letzten Kapiteln des Plutarchschen Themistokles nehmen. Dort fand er auch schon eine Tochter und ein Enkelkind des Themistokles, die im Drama eine besondere Rolle spielen sollten. Schiller beabsichtigte ein großartiges Bild griechischen Lebens in diesem Stücke zu geben, auch sollte es ganz in der Manier des Aeschylus aufgebaut werden- Nur eine kurze Disposition ist erhalten, in der Schiller angegeben hat, wie er den Stoff einteilen wollte.