Aufsatz 
Schillers Verhältnis zum klassischen Altertum : ein Gedenkblatt zu Schillers hunderstem Todestag / von Primer
Entstehung
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Schicksalsidee erkennen wir wieder, wenn sie auch Schiller nach seiner Weise verwendet. Eine überirdische Stimme ist es, die der Jungfrau ihren schweren Beruf, ein unübertret- bares Gebot, auferlegt. Im Unglücke macht Johanna es der Hlimmelskönigin zum Vorwurfe, daß sie ihr ein Werk auferlegt habe, das auszuführen über menschliche Kraft ist. Aber auch hier ist es eigene Schuld, die der fieldin den Untergang bereitet. Auch tritt der Form nach das Schicksal als solches zurück, und an seine Stelle tritt gemäß den christ- licnen Glaubensvorstellungen die Mutter Gottes. Als auf die Anklage ihres Vaters der König und die Großen sie verlassen, sieht sie darin eineSchickung- Gottes. Wohl in keinem Stücke ist die Schuld des Helden so echt menschlich, wie hier. Von einzelnen Anklängen in der Jungfrau von Orleans, die an Homer oder an andere Dichter des Alter- tums erinnern, heben wir die wichtigsten hervor. Selbst bei großer Ahnlichkeit ist es nicht immer sicher, daß eine Beeinflussung Schillers durch einen alten Dichter stattgefunden hat. Das Wort Thibauts z. B.:Entfaltet ist die Blume Deines Leibes, vergleicht Box- berger!) mit dem äschyleischen Ausdruck im PrometheusDeiner Körperschönheit Blume. Kann Schiller zu seinem Bilde aber nicht ganz aus sich gekommen sein? Eher mögender Bienen Geschwader,die Heuschreckwolke und derhimmelstürmend Hunderthändige (S. 229), der llias entnommen sein, wo sich νεκα mOρενμμαοσ᷑(lI, 87) finden, wo es heißt &xρεοεςα εκρμν‚οωννανα,(XXI, 12), Wo Briareus τππαρπαέτνέκιις(I, 407) genannt wird. Das bekannte Lebt wohl, ihr Berge, ist nach Düntzer eine Nachahmung des Abschieds des Sophokleischen Philoctet von Lemnos, Englert*) ist der Ansicht, daß Schiller durch die erste ldylle des TheokritScheidegruß des Hirten Daphnis beeinflußt worden sei. Boxberger findet auch in Stellén wieMir blutet in der Brust das tapfre Hierz(S. 234) einen Anklang an llias XXI, 571, Wo es heißt s, 5 ταορ̈ᷣ mπe*Qυχ☚eyoq(αe oeirey, worin er wohl entschieden zu weit geht. Zu den Worten Karls:Kann ich Armeen aus der Erde stampfen? Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand? bemerkt Büchmann), daß nach PlutarchsCaesar (Kap. 33) Pompeius einst geprahlt habe, er könne Armeen aus der Erde stampfen. An antike Sagen und Vorstellungen wird erinnert, wenn Dunois von Agnes Sorel sagtSie schöpft ins lecke Faß der Danaiden(S. 243) oder wenn vomstyg'schen Wasser der Loire gesprochen wird(S. 250), wo doch wohl die Auffassung vorschwebt, daß, wer einmal über den Styx gesetzt war, das Tageslicht nie wieder sah. Ist es aber nötig, wenn Johanna sagtUnd so drei Nächte nacheinander ließ die Heilige sich sehn(S. 261), dab' Schiller sich hier an Herodot anlehnt, wo(YII, 12) erzählt wird, daß dem Xerxes dreimal in der Nacht ein Traumbild erschienen sei? Fast wörtlich ist dagegen die Ubereinstimmung mit Homer in der StelleGeist meines Vaters, zürne nicht, wenn ich die Hand, die Dich getötet, freundlich fasse(S. 303). Ganz ähnlich äußert sich Achill dem toten Patroklus gegenüber(ll. XXIV, 502 ff.). Wenn Johanna sagtDer Streit erzeugt sich ein eisernes Geschlecht(S. 305), so hat wohl Schiller die Mythe von der Drachensaat des Kadmus vorgeschwebt, ebenso wird man bei den Worten TalbotsErhabene Vernunft, lichthelle Tochter des göttlichen Hauptes(S. 312) an die Sage erinnert, daß Athene aus dem Haupte des Zeus entsprungen sei. Die 0. Scene im dritten Akte, wo der schwarze Ritter er-

¹) a. a. O., S. 210. ²) Zeitschrift für den deutschen Unterricht, 8., S. 703. ) a. a. O., S. 171.