Aufsatz 
Schillers Verhältnis zum klassischen Altertum : ein Gedenkblatt zu Schillers hunderstem Todestag / von Primer
Entstehung
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der dramatischen Behandlung, soll ja doch nach Aristoteles die tragische Begebenheit ein 2**, ein ²,, ein ixoei? sein.(Poët. Kap. 7., Von Euripides lernte er da, alle anderen Einflüsse bei Seite zu lassen und der Handlung echt menschliche Motive unterzulegen. Deshalb rückte Schiller die Tatsachen eng zusammen und beginnt sein Stück gleich mit der Verurteilung Marias. Er hielt sich in diesem, wie auch in den folgenden Stücken nicht streng an die Geschichte, sondern bildete die tragische Fabel, wie dies Aristoteles) verlangt, frei, wie sie hätte sein können, nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit oder der Notwendigkeit, und gab ihr nicht assertorische, sondern apödiktiscne Wahrheit. Und wie schon im Wallenstein die Kunst den fielden unseremHerzen menschlich näher bringen Soll, so ist auch Mariabesser als ihr Ruf. Sie hatmenschlich, jugendlich gefehlt, wir haben inniges Mitleid mit ihr, die religiösen und politiscnen Momente treten hinter den menschlichen zurück. Wie im Wallenstein, spielt auch in diesem Stücke das Schicksal eine große Rolle. Als Elisabeth von der Begegnung mit Maria nach London zurückkehrt, macht ein Fanatiker einen Mordversuch auf sie. Dieser Umstand wird die nächste Ursache zu Marias Tod. Mortimer sagt in bezug auf dieses für Maria so unglück- liche Freignis:O, dich verfolgt ein grimmig wütend Schicksal, Unglückliche! Jetzt ja jetet mußt Du sterben(S. 133). Auch Leicester nenntdie Mörderhand, die blutig, schrecklich dazwischenkam, ein unerwartet ungeheures Schicksal*)(S. 130).

Die Jungfrau von Orleans(1801), die Schiller selbst eine romantische Tragödie nennt, scheint zunächst in einem gewissen Gegensatze zu der Antike zu stehen. Denn wir pflegen das Wortromantisch gerade im Gegensatz zu dem Worteklassisch zu brauchen. Sehen wir in dem klassischen Stile, gleichviel dem eines griechischen Bildwerkes oder dem einer griechischen Tragödie, überall eine Zügelung der Phantasie durch den plastischen Verstand, so verstehen wir unter dem romantischen Stile den, wo der Verstand der Phantasie die Zügel schießen läßt.) Schiller wollte hier nicht zu unserem Verstande, sondern zu unserem Herzen sprechen. Er wollte uns keine historische Jungfrau von Orleans geben. Trotzdem findet sich auch hier des Antiken genug. Schiller selbst nennt das Sujet einen beneidenswerten Stoff, ungefähr wie die lphigenie der Griechen. Am 13. Juli 1800 schreibt er hinsichtlich seiner Jungfrau von Orleans an Körner:Der Hield einer Tragödie braucht, nach der Lehre des Aristoteles, nur soviel moralischen Gehalt, als nötig ist, um Furcht und Mitleid zu erregen, und an Goethe den 3. April 1801:Der Schluß des vor- letzten Akts ist sehr theatralisch, und der donnernde deus ex machina wird seine Wirkung nicht verfehlen. Die Scene mit dem Walliser Montgomery, eine Lieblingscene Schillers, ist nach seinem eigenen Ausspruche eine echt homerische Analogie. Wie im XXI. Buche der llias Lykaon mit Achill zusammentrifft, wie er ihn um sein Leben bittet, Lösegeld ver- spricht, aber doch von ihm getõtet wird, ganz so ist es hier; im ganzen wie im einzelnen hat sich Schiller in dieser Scene an Homer angelehnt. Um diese Anlehnung an das klassische Altertum auch äußerlich klar zu machen, dichtete Schiller diese Scene nicht in fünffüßigen Jamben, in denen doch alle seine Versdramen geschrieben sind, sondern in Trimetern, dem Versmaße des Dialogs der antiken Dramen. Auch die griechische

¹) Poetik 0. sagt Aristoteles: pPy 7⁴ no⁷εες 2A⁴ 2dεο, 1'irropia 2ad' 1z4, ro? k4ſst. ²) Vergl. Cholevius, Geschichte der deutschen Poesie, II. Teil, S. 173. ¹) s. Boxberger a. a. O., S. 100.