Aufsatz 
Schillers Verhältnis zum klassischen Altertum : ein Gedenkblatt zu Schillers hunderstem Todestag / von Primer
Entstehung
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Léonore nennt sich Portia, ihren Gemahl Brutus und sagt:Mein Brutus soll eine Römerin umarmen.**)

Noch während Schiller den Fiesko dichtete und sich für die starre Römertugend eines Verrina begeisterte, wurde er an die Tat des Virginius erinnert, der die eigene Tochter tötet, um sie vor Schande zu bewahren. Schon damals faßte er den Plan zu seinem dritten grohen Werke, Kabale und Liebe(1783). Lessings Emilia Galotti, wie die Mißwirtschaft am Hofe des Herzogs Karl Eugen von Württemberg, gaben dann die individuellen Züge des Stücks, das sonst allerdings kaum Spuren einer Beeinfſussung durch die Antike aufweist.

Dagegen ist auch im Don Carlos(1783 87), nach Schillers eigenem Zeugnisse die Lektüre Pjutarchs für die Gestalt des Marquis Posa von Einfluß gewesen. Im 12. Brief über Don Carlos(1788 heiht es:Wer entdeckt nicht in dem ganzen Zusammenhang seines Lebens, daß seine ganze Phantasie von Bildern romantischer Größe angefüllt und durch- drungen ist, daß die Helden des Plutarch in seiner Seele leben, und daß sich also unter zwei Auswegen immer der heroische zuerst und zunächst ihm darbieten muß? Im einzelnen erinnern folgende Stellen an das Altertum: Im 4. Auftritte des ersten, Akts sagt die Königin zu Marquis Posa:Sie haben viele Höfe... Und viele Länder, vieler Menschen Sitte gesehn-,*) was deutich an das homerische ον ινλGανιμνρμυνμον ενεν esa da vEoy E70 erinnert. In dem berühmten Gespräche zwischen dem Könige und dem Marquis wird ganz vorübergehend Nero erwähnt(S. 240.) An einer späteren Stelle(S. 252) erinnert Posa an Sokrates, der wegen seiner Liebe zur Wahrheit sterben mußte. In der Brief- tasche des Don Carlos indet der König Aufzeichnungen und abgerissene Gedanken aus dem Tacitus¹)(S. 275.)

Zwischen Don Carlos und Wallenstein(1700), Schillers nächstem grolben Drama, liegt eine längere Reihe von Jahren. Schiller erklärt diesen Umstand aufs Deutlichste in einem Briefe an Körner vom 26. November 1700. Da heißt es:Ehe ich der griechischen Tragödie durchaus mächtig bin und meine dunklen Ahnungen von Regel und Kunst in klare Be- griffe verwandelt habe, lasse ich mich auf keine dramatische Ausarbeitung ein. Schon aus diesen Worten läßt sich erwarten, daß im Wallenstein die Finwirkung der Antike in Form und Inhalt sichtbar sein wird. Wir wollen uns bemühen, diese Einwirkungen kenntlich zu machen. Die große Vorliebe, die Schiller schon von der Karlsschule her für Plutarch und seine großen Männer hatte, hat er noch lange bewahrt. Am 20. November 1788 schrieb er an seine spätere Gattin hinsichtlich der Lektüre Plutarchs,er finde sich durch sie zum Zeitgenossen einer besseren, kraftvolleren Menschenart erhoben. Nicht halbgroße Menschen suchte er, sondern solche Charaktere, von denen sich etwas Außerordentliches erwarten ließ, Selbst wenn sie erhabene Verbrecher waren. Aus dieser Vorliebe waren ja die Räuber, war ja Fiesko entstanden. Als ihm nun im Jahre 1786 ein Buch über den 30 jährigen Krieg in die Hände kam, und er es selbst unternahm, die Geschichte dieses Krieges zu

1) a. a. O. S. 317.

*) a. a. O. S. 125.

2) Ob Fries(a. a. O.) recht hat, wenn er in der Figur des Marquis Posa als Urbild Plato erkennt, den Plutarch im Leben des Dion als ersten und größtten aller Prinzenerzieher schildert. bleibt dahingestellt. Sonst macht er über- zeugend auf manche Anlehnung Schillers an Plutarch auch in diesem Stücke aufmerksam.