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Erste Gattung. Aussere und innere Einwirkung der Antike.
Ein Drama der ersten Gattung sind die Räuber(1781). Der Zwang, den Schillers nach Freiheit dürstender Geist auf der KXarlsschule erlitt, die revolutionären Lehren Rousseaus, die er zugleich mit den Dichtungen der Stürmer und Dränger kennen lernte, und viele andere Ursachen haben sicherlich mitgewirkt, als er den Plan zu seinen Räubern faßte. Aber das Altertum hat doch den hervorragendsten Anteil hieran. Wir haben bereits erwähnt, daß Schiller schon auf der Schule eine ganz besondere Vorliebe für Plutarch hatte. Dieser Schriftsteller 2og ihn deshalb so an, weil er in seinen Biographieen den individuellen Charakter und das innere Leben seiner Hielden besonders hervorhebt und in ihnen die Kräfte schildert, die, wenn sie richtig geleitet wurden, einen Brutus, wenn sie verkehrte Bahnen einschlugen, einen Catilina hervorbringen mußten.) Auch ihm war es in seiner Welt zu eng, er dürstete nach großen Taten. Deshalb legt er seinem ersten Helden, Karl Moor, bei seinem ersten Auftreten die charakteristischen Worte in den Mund, die ihm selbst aus dem Herzen kamen„Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säculum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen“. Ist in diesem Sinne Plutarch der Vater des Stückes, so können wir noch viele Stellen anführen, die Zeigen, wie innig Schiller, als er die Räuber schrieb, mit dem Altertum verbunden war, vie die Hlelden des Altertums seinen Geist erfüllten, und wie sehr seine Phantasie von der Antike angeregt wurde. Die ganze zweite Scene des ersten Akts ist ein Beleg hierfür. Mit Verachtung läßt er seinen Helden Moor sich von der Erbärmlichkeit seiner Zeit abwenden und ihn sagen:„Der lohe Lichtfunke Prometheus' ist ausgebrannt,... da krabbeln sie nun, wie die Ratten auf der Keule des Herkules... kritteln über die Taktik des Hannibal... fischen Phrases aus der Schlacht bei Cannä und greinen übef die Siege des Scipio... Schinden die Helden des Altertums mit Kommentationen... Stelle mich vor ein Heer Kerls wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta Nonnenklöster sein sollen... Da steht der Knabe, der sich an-— mabte, mit Jupiters Keule zu spielen, und Pygmaeen niederwarf, da er Titanen Zer- schmettern sollte.“(Akt II. Sc. 3. S. 66.) Derartige Stellen ließen sich beliebig vermehren; sie sind durch das ganze Stück verstreut. Mehr aber noch als sie beweisen die beiden ein- geflochtenen Lieder, Hektors Abschied und der Römergesang, wie tief Schiller schon damals das Altertum in sich aufgenommen hatte, und wie lebendig ihm seine(ijestalten waren. Die Schönheit beider Lieder tritt erst in das richtige Licht, wenn man beachtet, wie Schiller sie dramatisch verwendet hat. Karl und Amalia hatten das erstere oft zusammen gesungen, jetzt, wo Karl fern ist, singt es Amalia dem alten Moor vor, der es in seiner Sterbestunde zu hören wünscht. Später, als Karl und Amalia sich wieder gefunden haben, geben sie sich bei Betrachtung der Ahnenbilder durch dieses Lied zu erkennen. Auch der Römergesang, das Wechselgespräch zwischen Caesar und Brutus, zeigt deutſich, wie be— geistert Schiller in seiner Jugend für die großen Helden Roms war.“— Schließlich soll
¹) Schillers Vorrede zu den Räubern, S. 4.
²) K. Fries, Schiller und Plutarch. Neue Jahrbücher für das klassische Altertum J. 351— 364 und 418— 431 weist nach meiner Meinung überzeugend nach, daß Schiller in dieser ganzen Scene den Brutus des Plutarch vor Augen gehabt hat. Auch die Scene an der Donau, wo Schweizer dem durstigen Hauptmann Wasser holt, ist, wie Fries zeigt, eine Nachbildung der Brutusscene nach der Schlacht bei Philippi, wie sie Plutarch im Brutus schildert.(Schirach VIII, 432 ff.)


