14
plutend läfst,— Mit sanfter Uberredung aufgehalten“. Sie hat durch ihr Gebet Segen dem Lande, Sieg dem Heere gebracht. Von ihrem Wesen träufelt auf Tausende ein Balsam herab. Soll dieser Balsam da nicht auch ihrem Bruder zu teil werden? Soll sie seinen umnachteten Sinn nicht heilen können? Ist dazu ein Wunder nôtig? Geschieht dies nicht alles, wie dies im Drama sein soll, durch Wirkung von Mensch zu Mensch? Von einer„plötzlichen Wir- kung“ und„einer schnellen Heilung“, die Kern so oft erwähnt, kann allerdings nicht die Rede sein. Eine solche wâre mir auch psychologisch unverständlich. Nur eine allmähliche Umwandlung des seelischen Zustandes Orests haben wir uns zu denken.
„Nirgends“, sagt Kern(S. 30),„zeigt uns das wirkliche Leben oder die Dichtung ähnliche Wandlungen“. Ja, wo ist denn aber im Leben oder in der Dichtung eine ähn- liche That geschehen? Kern hat kein Recht, den Orest einfach einen Muttermörder zu nennen. Es ist seine That eben auf des Gottes Befehl und nach dem Gesetz der Blutrache geschehen. Er hat sie an einer Ehebrecherin und Mörderin verübt, die keine Spur von Reue zeigte und den Tod wohl verdient hatte. Seine That ist auch eine That der Not- wehr; denn nachdem einmal die„böse Lust“ Klytämnestren zur Schandthat getrieben hatte, trachtete sie in der Furcht vor der Rache des Orest auch ihn zu tôten. Das alles macht die Sache doch wohl einigermaſsen anders.
Den Don Cesar in Schillers Braut von Messina hier hereinzuziehen, wie Kern thut, hat nach meiner Ansicht wenig Zweck. Die That des Don Cesar ist unentschuldbar. Unser Herz zieht sich ihm gegenüber ganz zu. Sein Brudermord ist eine That der gierigen Eifer- sucht, die sich sogar noch über das Grab des Ermordeten fortsetzt, aber bei Orest geht es uns ganz wie lphigenien.„Sage mir— Vom Unglücksel'gen! Sprich mir von Orest!“* Für ihn haben wir von vornherein das innigste Mitleid. Auch bei Gretchen im-Faust und Othello liegt die Sache ganz anders; selbst die von Kern angeführten Beispiele des Kreon, Odipus und der Dejanira passen nicht. Wie sollte Gretchen weiterleben wollen, die nicht nur ihr Kind getötet, sondern auch den Tod ihrer Mutter und ihres Bruders verschuldet hat? Othello hat in niedriger Eifersucht seine reine, unschuldige Gattin getôtet. Wie sollte er da noch Ruhe in seinem Herzen finden? Kreon hat nicht nur seinen Sohn, sondern auch dessen Braut und seine Gattin durch seinen Starrsinn in den Tod getrieben. Wie sollte da das Leben nicht öde und vernichtet vor ihm liegen? Odipus hat nicht nur seinen Vater erschlagen; er hat auch seine Mutter geheiratet und mit ihr in sündiger Ehe Kinder ge- zeugt. Wie sollte er diese Schmach ertragen? Dejanira endlich giebt sich den Tod weniger als Sühne für den durch sie herbeigeführten Tod ihres Mannes, sondern— wie wir ähn- liches heute noch oft sehen— aus Verzweiflung, weil sie nicht ohne den Geliebten leben will. Sie begehen alle ihre That aus unreinen Beweggründen, aus böser Leidenschaft, aus Selbstsucht, Orest aber durchaus nicht. Er begeht sie fast wider Willen, fast bewuſstlos. Er ist ganz frei von Leidenschaft und Eigennutz. Seine That entsprang aus edlen Motiven. Er begeht sie als ein Werkzeug der Gerechtigkeit; sein ganzes Innere sträubt sich dagegen, er thut sie, so zu sagen, mit reinem Herzen. Der Haſs, den er gegen die frechen Mörder hegt, war Sohnespflicht, er quillt aus der heiſsesten Liebe zum feig ermordeten Vater. Sein


