Aufsatz 
Die Heilung des Orest in Goethes Iphigenie auf Tauris
Entstehung
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Rachegefühl trat in derMutter heil'ger Gegenwart wieder völlig zurück. Er vergaſs den Auftrag des Gottes. Elektra mufs ihn erst zur That anfachen und ihm den Dolch in die Hand drücken.Mit ihrer Feuerzunge schilderte Sie jeden Umstand der verruchten That, Ihr knechtisch, elend durchgebrachtes Leben, Den Ubermut der glücklichen Verräter, Und die Gefahren, die nun der Geschwister Von einer stiefgeword'nen Mutter warteten. Der Blick seiner Mutter schnitt ihm bei der That tief ins Herz. Man sieht, wie schwer ihm dieselbe wird, aber es muſs sein, er muſs seinen herrlichen Vater auf des Gottes Ge- heiſs an der sündigen Mutter rächen. Ein Zweifel an dem vollen Rechte des Sohnes zur Rache kann uns gar nicht kommmen. Man achte auch noch auf die näheren Umstände der That. Agamemnon weilt vor Troja. Seine Kinder müssen mitansehen, wie ihre Mutter mit Agisth buhlt. Elektra trägt stumm und weinend ihr elendes Los. Wie sehnen sie sich nach der Rückkehr des Vaters! Nun kommt er zurück. Doch was müssen sie erleben? Die Mutter erschlägt ihren Gatten mit eigener Hand. Agisth sitzt nun auf Agamemnons Thron, auch dies müssen die Kinder mitansehen. Die Mutter hat dies veranlaſst, sie, die Ehe- brecherin, die Mörderin; jede Anwandlung von Reue liegt ihr fern; sie denkt nur darauf, wie sie sich im Besitze ihres Glückes und ihrer Macht halten kann. Elektra erfährt keine Spur von Nutterliebe, sondern nur Miſshandlung auf Miſshandlung. Durch die Freude, die die Mutter bei der Nachricht von dem Tode ihres Sohnes diesem zeigt, ist jeder Bund zwischen ihr und demselben zerschnitten. Der Untergang ihres Kindes ist für sie nur ein freudiges Ereignis. So ist denn die folgende Rache die notwendige und einzige Sühne ihrer Schuld. Furchtbar und schrecklich ist dies allerdings, aber Orests Vorgehen ist durchaus berechtigt. Nach unserem modernen Gefühle ist selbstverständlich jeder Mutter- mord unentschuldbar, aber die That des Orest ist eben kein Muttermord aus eigenem, freiem Entschlufs, sondern, wie ich schon mehrfach gesagt habe, eine That, die die Blut- rache und der Befehl des Gottes ausdrücklich erforderte.

Kern sagt selbst(S. 31), nach griechischer Anschauung seiOrest verpflichtet ge- wesen, als Rächer des Vaters die Mutter zu morden, aber bei den drei Tragikern fände sich nichts von einer Heilung auf natürlichem Wege;die Götter, welche das furchtbare Gebot dem Orest gegeben haben, treten auch für ihn ein; seine Heilung ist ihre Wirkung, also eine wunderbare. Das gebe ich zu, so ist es bei den Tragikern, aber was beweist dies gegen Goethe? Bei ihm liegt die Sache eben ganz anders, als bei den griechischen Dichtern.Daſs Orest bei Sophokles seine That mit erschreckendem Gleichmut vollführt und nachher auch nicht die mindeste Reue empfindet, ist sicher, aber wir dürfen nicht vergessen, daſs diese Auffassung, wenn sie auch nicht unser Gefühl befriedigt, doch in dem religiösen Glauben jener Zeit vollkommen begründet war. Die griechischen Dichter muſsten sich eben streng an die Sagen und Gottesvorstellungen ihres Volkes halten. Und wenn Aschylos und Euripides, die hierin menschlich unserem Gefühle näher stehen, wie Kern sagt, den Orest von den Furien verfolgt sein lassen, wenn er bei Euripides zur Sühnung seiner That nach Tauris geht, um das Bild der Diana nach Griechenland zu bringen, und seine Heilung bei ihnen durch die Gôtter vor sich geht, so ist nicht zu ver-