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gemacht, an seiner Mutter das gräſsliche Verbrechen zu rächen, das diese an ihrem Gatten, seinem Vater, verübt hat. Er sagt sich gewiſs nach wie vor, daſs er eine schreckliche That begangen hat, aber er fühlt jetzt, daſs er vor Gott und den Menschen Gnade findet. Er ist sich der Verzeihung selbst seiner Mutter gewiſs. Ich sehe hier also nichts unerklärliches, sondern einen ganz verständlichen seelischen Vorgang. Warum diese Heilung des Orest also den Schülern„als ein mythischer Rest, der sich der dramatischen Motivierung nicht gefügt hat“, vorzuführen ist, kann ich nicht einsehen.
„Vieles von dem“, sagt Kern weiter(S. 26),„was Iphigenie zu Orest spricht, ist wahrlich nicht geeignet ihm Frieden zu bringen“. Er meint zunächst die Worte, in denen sie ihre UÜberzeugung ausspricht, daſs er unrettbar verloren sei. Hierauf ist zu erwidern, daſs erstens dem Orest der Tod gar nicht schrecklich erschien— wie er selbst wiederholt ausspricht— zumal er ihn als eine Erlösung von seinen entsetzlichen Gewissensqualen auf- faſste, und zweitens, daſs die innige Liebe, die die Priesterin ihm gleich bei ihrem ersten Erscheinen zeigt, und ihr heiſser Wunsch, ihn nicht opfern zu müssen, ihn wohl zu be- ruhigen geeignet war.
Daſs ihn aber Iphigenie, als Orest den Muttermord geschildert hat, durch Erinnerung an den von Pylades erdichteten Brudermord aufs furchtbarste erregen muſste, wie Kern meint, vermag ich auch nicht einzusehen. Grade das Umgekehrte ist der Fall. Grade jetzt giebt er sich als Orest zu erkennen und scheut sich nicht, der Priesterin, zu der er un- bedingtes Zutrauen gefafſst hat, zu entdecken, daſs er der Muttermörder ist. Die Reue und das Schuldbewuſstsein, das er Iphigenien gegenüber fühlt, regen ihn selbstverständlich aufs furchtbarste auf, aber diese freie That des Eingeständnisses seiner Schuld und seine todes- bereite Reue zeigen ihn uns deutlich auf dem Wege zur Heilung, sie deuten schon den neuen Menschen an. Der Balsam, den Iphigeniens Liebe geträufelt hat, ist auf eine Stelle gefallen, die noch der Heilung fähig war.
Ebenso wenig kann ich die ferneren Bedenken Kerns billigen. Iphigenie quäle ihn, sagt er, durch die Erinnerung„an die verlorene Schwester, so daſs Orest sie bittet, ihr Fragen zu lassen und sich nicht auch zu den Erinnyen zu gesellen“. Orest weist ihr Fragen nur zurück, weil er dessen Zweck in seiner Lage nicht versteht. Er ist zu der Entwickelungsstufe seiner Krankheit gekommen, die der Heilung vorangeht. Es ist eben die entscheidende Wendung der Krankheit. Da scheint sie immer am gröõſsten zu sein. So ist es bei jedem groſsen körperlichen Leiden. Sollte es bei einem seelischen anders sein? Bei der lebhaften Schilderung der Furien, die ihn verfolgen, sind diese selbst wieder zu ihm getreten, denn grade in Gegenwart der reinen Priesterin,„der Himmlischen“, muſs er sich so recht als Verbrecher fühlen. Das Geleit der Schreckensgötter, wie das Haupt der gräfslichen Gorgone erwähnt Iphigenie eben nur, um ihn zu dem Glauben zu bringen, daſs sie alle nicht so stark sind, wie die hilfreichen Gôtter, die der reinen Schwester Segenswort herbeiruft. Wenn Orest auch hiermit immer noch nicht die richtige Vorstellung verbindet, so sind dies doch alles Samenkörner, die in seine Seele gestreut bald Wurzel fassen und allmählich das Unkraut seiner krankhaften Vorstellungen vertreiben helfen. Mit


