11
auch mangeln“, sagt Kern,„wenn wir als ein drittes Agens(wozu wir durchaus berech- tigt sind) noch Iphigeniens rührendes Gebet zu den himmlischen Geschwistern hinzurechnen. Denn Träume, seien sie noch so lebhaft und noch so schôn, Berührungen auch der heilig- sten und reinsten Menschengestalt, Fürbitten, auch wenn sie mit vollster Inbrunst aus der Seele des Betenden kommen, können nun und nimmer das Herz von marternden Gewissens- bissen befreien“. Das leuchtet mir durchaus nicht ein. Es handelt sich hier nicht einfach um einen Traum, eine körperliche Berührung, ein Gebet, sondern um eine seelische Um- wandlung, wie sie uns dramatisch in diesen und anderen Faktoren so glaubhaft gemacht worden ist, dafs mir nichts an psychologischer Begründung zu fehlen scheint. Warum soll denn ein Traum, der psychologisch so natürlich ist, wie der des Orest, ein T raum, in dem er seine Ahnen versöhnt sieht, in dem er die Mutter, die Mörderin, mit ihrem Gatten traut und liebevoll vereint sieht, in dem die Mutter ihn, den Mörder, verzeihend bewillkommnet, warum soll ein solcher Traum nicht im stande sein, dem Erwachten Ruhe und Frieden zu geben, zumal wenn er erkennt, daſs der Traum die Wirklichkeit wiedergespiegelt hat, daſs die elysischen Zustände, die er im Traume gesehen hat, wirklich auf Erden sind, daſs nicht eine blutdürstige Priesterin vor ihm steht, sondern die liebevollste Schwester, die seine Unglücksthat soeben gerechtfertigt und als eine von den Göttern gebotene und deshalb verzeihbare hingestellt hat? Diese Macht soll eine so heilige, so reine Gestalt, ein so liebe- volles Wesen, wie Iphigenie ist, nicht haben? Ferner! Wenn Orest in der letzten Scene sagt„Von dir berührt,— War ich geheilt“, so versteht er doch darunter nicht bloſs die körperliche Berührung, wie Kern zu glauben scheint, sondern die ganze Einwirkung Iphi- geniens auf ihn. Und drittens: Ihr Gebet hat den Bruder nicht gerettet,— das wäre allerdings ein Wunder,— aber Iphigenie hat ihr eigenes Gottvertrauen in seine Seele hinübergeleitet. Er hat durch sie den Glauben an die Güte der Götter wiedererhalten, ein Ziel, das schon Pylades zu erreichen bestrebt war. Er ist jetzt fest davon überzeugt, dafs Apollo seine Zusage halten werde. Ich verstehe nicht, wie Kern hier ein psychisches Wunder finden will. Ich sehe hier nichts, was nicht echt menschlich wäre, was nicht vorzüglich dramatisch motiviert wäre, zumal alle Handlungen streng aus den Charakteren hervorgehen. flier ist auf natürlichem und psychologisch durchaus verständlichem Wege die Umwand- lung der Seele eines Menschen geschildert.
Ferner berücksichtigt Kern zu wenig, daſs es sich hier nicht schlechthin um einen Mord handelt, sondern um einen von der Sitte, ja von den Göttern dem Orest gebotenen NMord. Die That der Klytämnestra konnte nur durch den Tod derselben gesühnt werden. Da nun ein weltliches Gericht der Königin diesen Tod nicht auferlegen konnte, Agamem- nons Mord aber gerächt werden muſste, so traf den Orest, als den nächsten männlichen Blutsverwandten, die Pflicht der Blutsühne.„Die Erinnerung an die furchtbare That“, das gebe ich zu— ist beim Erwachen Orests nicht aus seiner Seele geschwunden— das soll sie auch gar nicht— aber seine sélbstquälerische Auffassung derselben, die ihn zu Ver- zweiflung und Wahnsinn gebracht hatte, diese ist geschwunden. Die Erinnyen sind zu Eumeniden geworden. Er sagt sich mit vollem Recht, die Gôtter hatten ihn zum Werkzeug
2*


