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dem Freunde, das empfindet Orest selbst, verdankt er seine Rettung. Deshalb sagt er in seinem Gebet„O laſst mich auch in meiner Schwester Armen,— An meines Freundes Brust, was ihr mir gönnt,— Mit vollem Dank genieſsen und behalten“.
Und daſs wir uns nun seine Heilung als anhaltend denken können, auch dafür hat Goethe aufs beste gesorgt. Dazu berechtigt uns zunächst der Bericht des Pylades, den er Iphigenien bringt mit den Worten„Dein Bruder ist geheilt! Den Felsenboden.... Betraten wir mit fröhlichen Gesprächen— Und herrlicher und immer herrlicher— Umloderte der Jugend schöne Flamme— Sein lockig Haupt; sein volles Auge glühte— Von Mut und Hoffnung, und sein freies Herz— Ergab sich ganz der Freude, ganz der Lust,— Dich, seine Retterin, und mich zu retten“. Auch als Thoas von ihm den Beweis fordert, daſs er Agamemnons Sohn ist, und er den Besten des Scythenheeres zum Zweikampf heraus- fordert, zeigt er seine klare Erkenntnis der Verhältnisse und seinen gesunden Heldensinn, der selbst dem Scythenkönige Achtung abnôtigt. Bei der Weigerung des Thoas endlich, die Griechen mit dem Bilde der Diana ziehen zu lassen, ist es Orest, dem der Sinn des Götterspruches deutlich wird. Unter der Schwester, die Orest aus Tauris befreien soll, um den Fluch zu sühnen und um Heilung zu finden, hat der Gott nicht die eigene Schwester Diana, sondern die Schwester des Orest, Iphigenien, verstanden. Diese Einsicht in den Sinn des Orakelspruches giebt ihm auch die Gewiſsheit, daſs die Gottheit die Schwester frei- giebt und den Ihrigen wiederschenkt. Sie war es ja, die ihn von den Furien befreite. Die Göttin hat sie zum Segen ihres Geschlechts hier aufbewahrt. Und so bittet er den König, dem offenbaren Willen der Götter nicht entgegenzutreten, sondern zu gestatten, daſs die Schwester die Weihe ihres väterlichen Hauses nun vollbringe und ihn der entsühnten Halle wiedergebe. Thoas willigt ein, und Orest kehrt mit seiner Schwester nach Griechenland zurück. Er erfüllt also den Auftrag des Gottes und löst damit, wie ihm verheiſsen ist, den auf seinem Geschlechte ruhenden Fluch.
Ich meine, hiermit hat Goethe die Heilung des Orest nach allen Seiten auf das klarste psychologisch motiviert und mit der strengsten Notwendigkeit von Stufe zu Stufe dramatisch entwickelt. Er hat uns die seelische Umwandlung des Orest so glaubhaft gemacht, daſs wir von seiner dauernden Heilung fest überzeugt sind.
Das alles will Kern aber nicht gelten lassen. Alle diese Faktoren sind ihm nicht stark genug,— denn daſs er sie übersehen haben sollte, kann ich mir nicht vorstellen— um„Orests Heilung als menschlich durchaus motiviert und psychologisch klar begründet“ erscheinen zu lassen.
Kern weist zuerst(S. 24) die Erklärung Scherers zurück, nach der Orests Heilung „unmittelbar nach seiner Vision“ und„als Wirkung von Iphigeniens Berührung“ erfolgt. Er meint, so hätte sich Goethe in der That den Vorgang gedacht, aber Orests Heilung bleibe ein„psychisches Wunder, dem es an dramatischer Motivierung mangelt“.„Sie würde


