Aufsatz 
Die Heilung des Orest in Goethes Iphigenie auf Tauris
Entstehung
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Es ist psychologisch ganz richtig, daſs er nicht sofort durch Iphigeniens Einwirkung die volle Heilung erlangt, daſs die Arzenei, die ihm gereicht wird, seine Krankheit zunächst verschlimmert und noch einmal seine ganze Natur in Gährung bringt, damit die Krankheits- stoffe ausgestoſsen werden, und dann die Reinigung und Lauterung über ihn komme. Er- mattet sinkt er nieder. Während Iphigenie sich entfernt, um bei Pylades Hilfe zu suchen, verfällt er in Schlaf; er träumt, und was ist natürlicher, als daſs er von dem träumt, was soeben seine Seele mächtig bewegt hat? Ist doch der Traum ein Echo, oft auch eine Fortführung des Erlebten. Die Kraft der innigsten Liebe, die er eben von Iphigenie erfahren hat, ist auch im Traume in ihm wach. In der Unterwelt war für jeden Griechen das gröfste Labsal das Trinken der Vergessenheit aus Lethes Quell. Wie muſs sich Orest darauf gefreut haben, aus Lethes Quell zu trinken, er, dem die stete Erinnerung an den begangenen Mord sein Lebensmark verzehrte! In der Unterwelt, in der er im Traume weilt, trinkt er also sofort aus Lethes Quell. Was er sein ganzes Leben lang als Wirkung dieses Lethetrinkens hatte preisen hören, das kommt jetzt auch über ihn. Er hat Ruhe von seiner Qual. Der Schlummer thut ihm wohl.Noch Einen! so ruft er, als er aus seiner Betaubung erwacht,reiche mir aus Lethes Fluten Den letzten kühlen Becher der Erquickung! Bald ist der Krampf des Lebens aus dem Busen Hinweggespült! Auch im wachen Zustande glaubt er in der Unterwelt zu sein und Lethe getrunken zu haben. Ebenso natürlich und psychologisch erklärlich ist es, daſs er in der Unterwelt seine Ahnen sieht. War er doch kurz vorher in so erschütternder Weise an sie erinnert worden. Es ist auch psychologisch verständlich, daſs er, der von Iphigeniens mildem, liebe- vollem Wesen in tiefster Seele angeweht ist, sie friedlich nebeneinander gehen sieht. Der Strahl der Liebe hatte gezündet und war in die Tiefen seines Herzens gedrungen. Dieselbe Liebe, die ihm Iphigenie entgegengebracht hat, glaubt er bei seinen Ahnen zu finden. Hier ist jeder Frevel abgebüſst, hier ist keine Feindschaft. Ich bin hier auch willkommen,Wir sind hier alle der Feindschaft los. Hier führt sein Vater die Mutter vertraut am Arme. Ist dies der Fall,So darf Orest auch zu ihr treten Und darf ihr sagen: Sieh deinen Sohn! Schuld allein trägt der Ahnherr denn er allein hat sich an den Göttern selbst ver- gangen und ihn sieht er auch in der Unterwelt allein leiden. Da kommt er wieder zu sich. Zuerst glaubt er, alles sei nur ein Traum. Er will noch in seinem Wahne verharren. Als er aber Iphigenien, die verloren geglaubte Schwester, und Pylades, den treuen Freund, in Wirklichkeit vor sich stehen sieht, und er wieder wie vorher Worte der innigsten Teil- nahme voller Güte und Liebe aus dem Munde Iphigeniens vernimmt, er sie zu den Göttern beten sieht, und Pylades ihn mit sanft mahnender Rede auf die Wirklichkeit hinweist, indem er sagtErkennst du uns und diesen heil'gen Hain Und dieses Licht, das nicht den Toten leuchtet? Fühlst du den Arm des Freundes und der Schwester, Die dich noch lebend halten? Fass' Uns kräftig an; wir sind nicht leere Schatten, da erwacht sein Geist zur Klarheit. Er wendet sich mit Dankesworten im Gebet an die Götter. Er erkennt ihre weise und gütige Fügung. Er sieht jetzt, sie wollen nicht seinen Tod, sie halten ihre Zusage.

Er glaubt, daſs sie es gut mit ihm meinen, er ist geheilt und gerettet. Der Schwester und 2