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Grube sich und sucht den Tod“. Deutlich zeigen sich auch hier Spuren seiner Heilung. Wer so tief seine That bereut, sich so innig nach Strafe sehnt, dieselbe so gern auf sich nimmt, in dem ist der neue, der reine Mensch erwacht; ihm sind wir bereit zu verzeihen. Das klare Bewuſstsein seiner schrecklichen That tritt mächtig vor seine Seele. Seine Gewissensqualen stellen sich wieder ein. Die Furien treten wieder an ihn heran. Nicht ver- steht er die trostreichen Worte der Priesterin„Mein Schicksal ist an deines festgebunden.— Kannst du, Orest, ein freundlich Wort vernehmen?— Sie(die Gôtter) geben dir zu neuer
Hoffnung Licht....— Ich bringe süſses Rauchwerk in die Flammen,— O laſs den reinen Hauch der Liebe dir— Die Glut des Busens leise wehend kühlen.— O wenn vergoſsnen Mutterblutes Stimme— Zur Hôll' hinab mit dumpfen Tönen ruft,— Soll nicht der reinen Schwester Segenswort— Hilfreiche Götter vom Olympos rufen?“—
Jetzt giebt sie sich ihm als Schwester zu erkennen und erklärt ihm„Vom Altar— Riſs mich die Göttin weg und rettete— Hierher mich in ihr eigen Heiligtum.— Gefangen bist du, dargestellt zum Opfer,— Und findest in der Priesterin die Schwester“.— Wäre seine Seele nicht durch seinen Wahn verfinstert gewesen, so hätte er bei diesen Worten Iphigeniens die allerinnigste Freude zeigen müssen, und für seine Heilung sind sie auch von gröfster Wichtigkeit. Während er nämlich mit den Seinen fest geglaubt hat, Iphi- genie sei in Aulis geopfert worden, findet er sie hier plötzlich im Heiligtum der Göttin wieder. Muſs er hierin nicht eine weise und gnädige Fügung der Götter erkennen? Muſs er nicht endlich einsehen, daſs die Götter wahr sind, dafſs sie nicht seinen Tod wollen? Muſs ihm das nicht Ruhe und Frieden gewähren? Ja der Sinn des Orakelspruches, daſs nicht Apolls Schwester gemeint ist, sondern des Orestes eigene Schwester, dafs Iphigenie ihm Hilfe zu bringen bestimmt ist, hätte ihm schon hier klar werden müssen. Doch sogleich kommt er nicht zu dieser Einsicht. Sein Blut ist zu sehr in Wallung. Aber die Stoffe zu seiner Genesung, das merken wir, hat er schon aufgenommen. Während er schon vorher empfunden hat, daſs durch Iphigenien die Erinnyen, die Immerwachen,„seitwärts gedrängt werden“,
fragt er jetzt„Wer bist du, deren Stimme mir entsetzlich— Das Innerste in seinen Tiefen wendet?“— Er bekennt damit, welche gewaltige Einwirkung er von seiten Iphigeniens verspürt.
Iphigeniens fernere milde, trostvolle Zusprache regt ihn noch fürchterlicher auf. Ihre Aussage, dafs sie seine Schwester Iphigenie sei, hält er in der Umnachtung seiner Seele für eine Tauschung. Als er aber allmählich ihrer innig herzlichen Versicherung den Glauben nicht versagen kann, sieht er gerade darin die Erfüllung des schrecklichen Fluches ihres Hauses, daſs er von der Schwester Hand fallen müsse. Seine Kräfte sind völlig erschöpft. Er versteht das Glück und die Freude nicht, die sie ihm zeigt, obwohl sie gehört hat, daſs ein Muttermörder vor ihr steht, er hört es nicht, dafs sie ihn das liebste nennt, was die Welt noch für sie trägt. Der Wahn schüttelt ihm zum letzten Mal das Mark entsetzlich zusammen, aber in dem tiefen Schmerze, den er leidet, erkennen wir schon das Heran- nahen seiner Genesung. Allmählich kommt ihm die Einsicht, daſs diese„Himmlische“ seine Schwester ist.


