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Sie verurteilt also seine That nicht, sondern läſst ihn wissen, daſs es seine Pflicht gewesen sei, den Tod seines Vaters blutig zu rächen. Und als sie nun erfährt, daſs Orest noch lebt und sie dafür in innigster Freude inbrünstig den Gôttern dankt, wie ganz anders muſste es da in seiner Seele werden! Und als sie gar im folgenden den Tod der Klytä- mnestra als einen gerechten, wohlverdienten und notwendigen hinstellt, da hat Orest durch die sein Innerstes ergreifende Macht der Liebe Iphigeniens solches Zutrauen zu ihr gefaſst, daſs er ihr selbst seine unselige That— zuerst allerdings als die eines anderen— erzählt. Auch dies scheint mir ein Meisterzug von Goethe zu sein. Diese Beichte thut viel zu seiner Heilung. Es ist psychologisch durchaus wahr und tief begründet, daſs Jeder, der etwas böses begangen hat, sich erleichtert fühlt und sein Gewissen entlastet, wenn er reuig ein Geständnis seiner Schuld abgelegt hat. Allerdings ist diese Beruhigung der Seele nie- mals sofort sichtbar. Im Gegenteil, die lebhafte Erinnerung an die sündhafte That wird den Reuigen stets beim Ablegen des Geständnisses im Innersten erregen. So ist es auch hier. Das Geständnis seiner That bringt das Bewufstsein seiner Schuld wieder lebhaft vor seine Seele.—
Doch kehren wir zu Iphigenien zurück. Als sie nun vernommen, daſs der Sohn die Mutter getötet, da hat sie kein Wort des Fluches für den Mörder— er hat ja nur des Himmels Rache vollzogen,— sondern nur Worte des innigsten Mitleids, des heiſsesten Er- barmens für ihn. Wie sollte sie auch nicht mit dem Leide dessen, den sie aufs innigste liebt, das tiefste Erbarmen haben? Wie sollte sie nicht des Bruders Schmerzen fühlen und wün- schen, ihm sein Leid abzunehmen?„Sage mir— Vom Unglücksel'gen! Sprich mir von Orest!“— so ruft sie ihm entgegen.
Diese Beurteilung seiner That aus dem Munde eines so edlen, hoheitsvollen Weibes trägt sehr viel zu seiner Heilung bei. Wenn Orest sieht, daſs Iphigenie, die Reine, dem Moörder vergiebt und ihn trotz seiner Schuld liebt, sollte er da noch fürchten, daſs die Gottheit weniger gnaädig sei, als der Mensch? Wie ihn ihre ganze Erscheinung erhebt, wie er in ihrer Nähe zum ersten Mal wieder frei aufatmet, so gewinnen ihre Liebe und Milde sein ganzes Zutrauen.„Zwischen uns— Sei Wahrheit“, so ruft er Iphigenien zu. Er giebt sich ihr als Orest, als Mörder zu erkennen. Ich meine, hier zeigt sich eine deut- liche Spur der beginnenden Genesung und seelischen Umwandlung. Ein Funke himm- lischen Lichtes ist in seine dunkle Seele gefallen.
Wenn auch die dramatische Entwicklung es mit sich brachte, daſs Goethe den Ein- druck, den dieses Wiederfinden des Bruders auf Iphigenien macht, nicht weiter ausführen konnte, so ist es doch für Orests Heilung von gröfster Bedeutung. Sie glaubte fest, daſs die Gôtter sie als ihr W9erkzeug hier verwahren, um ihr Haus zu entsühnen. Jetzt bei dem wunderbaren Wiederfinden ihres Bruders erkennt sie, daſs ihre Aufgabe in ungeahnter Weise sich erfüllen soll. Und diese UÜberzeugung ist es, die sie in Orests Seele hinüberspielt, unmerk- lich zunächst für Orest, unmerklich zunächst auch für den Zuschauer, wie für den Leser.
Wie ich dies schon oben psychologisch zu erklären suchte, ist seine Seele jetzt mächtig erregt. Schwer bereut er seine Schuld, ja er ist bereit, für dieselbe durch sein eigenes Blut Sühne zu geben. Er sagt„Ich bin Orest! und dieses schuld'ge Haupt— Senkt nach der


