Aufsatz 
Die Heilung des Orest in Goethes Iphigenie auf Tauris
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

als Werkzeug ausersehen sei, und daſs seine That sogar eine Ruhmesthat sei.Allein, o Jüngling, danke du den Göttern, Daſs sie so früh durch dich so viel gethan, so ruft er ihm zu und sucht dadurch sein Vertrauen zu den Göttern zu heben.

Orest ist allerdings noch nicht von der Güte und dem Wohlwollen der Gôtter über- zeugt. Er sagt immer nochSie haben es auf Tantals Haus gerichtet, Und ich, der Letzte, soll nicht schuldlos, soll Nicht ehrenvoll vergehen; aber Pylades erwidert ihm Die Götter rächen Der Väter Missethat nicht an dem Sohn.... Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch. Uns führt der hohen Gôtter Wille hierher, sagt er,Thu', was sie dir gebieten, so werden sieDir gnädig sein, sie werden aus der Hand Der Unterird'schen dich erretten. Sie haben dir einen schweren Auftrag auferlegt, er sollte nach Apolls Befehl die Schwester von Tauris nach Griechenland bringen aber sie haben dir auch Rettung zugesagt, wenn du ihn glücklich ausführst. Du siehst, es wagt sich schon keine der Furien in diesen Hain. Ferner beruhigt Pylades seinen Freund dadurch, daſs er ihm mitteilt, er habe ausgekundschaftet, daſs hier ein fremdes, göttergleiches Weib jenes blutige Gesetz, wonach die Fremden, die in Tauris landen, geopfert werden sollen, gefesselt halte.Du rechnest sicherer Auf sie im Guten wie im Bösen, so sagt er ihm. Die Hoffnung, daſs noch eine andere Lösung als die durch den Tod von Apollo gemeint sei, wird allmählich und zunächst unmerklich von Pylades in Orest geweckt.

In der nun folgenden Scene lernt Pylades Iphigenien als eine Priesterin kennen, die die blutigen Opfer von ganzer Seele verabscheut und dem Königshause in Mycene nahe verwandt ist. Hieraus schôpft er für Orest neue Hoffnung. Iphigenie ihrerseits hört von Pylades, daſs nach Apolls Geheiſs Orest im Tempel seiner Schwester Genesung finden solle. Das ist ihr genug. Diese Mitteilung bestimmt sofort ihr ganzes ferneres Handeln.

Im Hdritten Akt tritt Iphigenie selbst dem Orest gegenüber. Die Weihe des tiefsten Seelenschmerzes liegt auf ihren Zügen. Sie hatte soeben von Pylades die entsetzliche That vernommen, die ihre Mutter an ihrem Vater begangen hatte. Sie teilt dem gebrochen vor ihr Stehenden zwar mit, daſs er nach des Königs Willen hier sterben solle, aber der Tod erscheint ihm gar nicht schrecklich, sondern als eine Erlösung von seiner Qual, und dann war die innige Teilnahme, das Mitleid und herzliche Erbarmen, das ihm die Priesterin zeigt, die ihmgleich einer Himmlischen begegnet, und ihr heiſser Wunsch, ihn zu retten, wohl geeignet, seine Seele zu beruhigen, und ihm die leise Hoffnung zu geben, die Pylades schon in ihm hatte wecken wollen, Apolls Zusage werde hier vielleicht noch in anderer Weise, als in der von ihm geglaubten in Erfüllung gehen. Wie mufs es ihn anheimeln, als er in der Priesterin, die er sich blutdürstig vorgestellt hat, eine Jungfrau fand, die mit den waärmsten Worten von alledem spricht, das ihm wert und teuer ist, die sich nach seinem Vater erkundigt und ihn den herrlichsten von allen Helden nennt, die gegen Troja zogen! Wie sehr mufste aber seine Umnachtung weichen, als Iphigenie die Worte zu ihm sprachWie ist des groſsen Stammes letzter Sohn, Das holde Kind, bestimmt des Vaters Ràächer Dereinst zu sein, wie ist Orest dem Tage Des Bluts ent- gangen?!