Aufsatz 
Die Heilung des Orest in Goethes Iphigenie auf Tauris
Entstehung
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Freundes zu beleben; er ist es, der zuerst mit Liebe und Klugheit ihm zur Seite steht, ihn aufrichtet und tröstet und manches Samenkörnlein in seine Seele streut, das wohl ge- eignet ist, zu einer heilenden Balsamstaude zu werden und das Unkraut seiner trüben Gedanken zu überwuchern. Nur darf man nicht verlangen, daſs der ausgestreute Same sogleich aufgehe oder gar gleich Frucht trage. Davon kann selbstverständlich gar keine Rede sein.

Pylades ist nicht der Ansicht wie Orest, daſs der Tod die verheiſsene Rettung sei. Ich sinn' und horche, Ob nicht zu irgend einer frohen Flucht Die Gôtter Rat und Wege zubereiten, sagt er zu Orest, und ebenso erweckt er in ihm Hoffnung auf Rettung mit den WortenApoll Gab uns das Wort, im Heiligtum der Schwester Sei Trost und Hilf' und Rückkehr dir bereitet. Der Götter Worte sind nicht doppelsinnig, Wie der Gedrückte sie im Unmut wähnt.

Ich meine, schon diese Worte müssen heilend auf Orest gewirkt haben. Als er seine Mutter ermordet hatte, und die Furien ihn verfolgten, glaubte er, die Gôtter wollten ihn wie seine Ahnen verderben, sie wären es, die ihm das Herz zusammendrückten und den Sinn betäubten. Dieser irrige Glaube mufste ihm benommen werden. Durch den Zuspruch seines Freundes wird in seiner Seele der verlorene Glaube an die Wahrhaftigkeit der Götter wiedererweckt. Apoll hatte ihm Hilfe und Rettung im Tempel seiner Schwester, wie er selbst sagt,mit hoffnungsreichen Gewiſsen Götterworten zugesagt. Der Glaube an diese Zusage mufste in ihm geweckt werden, er muſste nach und nach die Zuversicht be- kommen, daſs, wenn Apollo ihm den Muttermord anbefohlen hatte, er dies nicht gethan habe, wie er gleich nach der That glaubte, um ihn zu verderben, sondern daſs er ihm auch Verzeihung für diese That angedeihen lassen werde. Goethes Aufgabe als Dramatiker war es bloſs, uns diese Umwandlung der Seele des Orest überzeugend klar zu machen, und ich meine, das hat er gethan.Die Götter, so tröstet ihn Pylades weiter,brauchen manchen guten Mann Zu ihrem Dienst auf dieser weiten Erde; Sie haben noch auf dich gezählt; sie gaben Dich nicht dem Vater zum Geleite mit, Da er unwillig nach dem Orcus ging. Er will hiermit in ihm die Hoffnung erregen, daſs die Götter ihn zu groſsen Thaten ausersehen hatten, daſs er der Rächer seines Vaters werden sollte.

Wäahrend dann Orest in seinem Trübsinn glaubt, er sei wie ein Verpesteter, der selbst die Gesundesten anstecke, zeigt ihm Pylades an seiner eigenen Person, daſs ganz das Gegenteil der Fall ist, daſs er frischen Lebensodem nur durch die Freundschaft mit Orest gewonnen hat, und wieder und immer wieder sagt er ihm, dafs seine That die Tötung seiner Mutter von den Göttern ihm auferlegt worden, daſs er von den Göttern hierzu

trefflich ausführen. Den Moment, da sich Orest in der Nähe der Schwester und des Freundes wiederfindet. Das, was die drei Personen hintereinander sprechen, hat sie in eine gleichzeitige Gruppe gebracht, und jene Worte in Geberden verwandelt. Man sieht auch hieran, wie zart sie fühlt. Und es ist wirklich die Achse des Stücks.

Dieses Gemälde zeigt aufs deutlichste den großen Anteil, den die Künstlerin bei der Heilung des Orest dem Pylades zuweist. Das Original des Gemäldes befindet sich im Goethe-National-Museum zu Weimar. Eine gute Nachbildung zeigt das Goethe-Jahrbuch vom Jahre 1888.