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sicher. Die bekannten Worte Alle menschlichen Gebrechen— Sühnet reine Menschlichkeit— beziehen sich doch in erster Linie auf die Heilung des Orest durch die Einwirkung der Iphigenie. Aber diese ist es nicht allein, die die Heilung bewirkt; Pylades kommt auch ein Teil dieses Verdienstes zu.
Kern sieht(S. 25) in der Heilung des Orest„eine Wirkung, zu der wir vergebens nach einer zureichenden Ursache suchen“. Diese zureichende Ursache ist aber nach meiner Meinung wohl vorhanden. Sie liegt in der seelischen Umwandlung des Orest und wird in echt dramatischer Weise psychologisch durchaus verständlich entwickelt.
Bevor ich nun im einzelnen auf Kerns Einwande und Bedenken eingehe, will ich zusammenhängend angeben, welche Umstände Orests Heilung nach meiner Ansicht bewerk- stelligt haben.
In den ersten Scenen des Stückes lernen wir Iphigenien in ihrer Reinheit, Lauterkeit und Gottergebenheit als ein höheres Wesen kennen, die in ihrem segensreichen Wirken Frieden und Heil rings um sich verbreitet; wir sehen, wie sie Aller Liebe und Verehrung sich gewinnt, wie selbst der König Thoas, ein Scythe und Barbar, seine Neigung ihr zu- wendet. In stiller Hoffnung hegt sie den Gedanken, Diana habe sie nur nach Tauris ge- bracht und sie sei nur hier, um— Dereinst mit reiner Hand und reinem Herzen— Die schwer befleckte Wohnung zu entsühnen.— Wir ahnen, daſs sie um eines höheren Zweckes willen hierher geführt worden ist.
Im zweiten Akt tritt Orest auf. Er hat auf Apolls Befehl seine Mutter, die seinen Vater erschlagen hatte, getötet. Obwohl er die That aus Liebe zu seinem Vater und auf göttlichen Befehl vollzogen hatte, wird er doch von den Rachegeistern verfolgt. Der Zweifel, die Reue und die ewige Betrachtung des Geschehenen bringen ihn dem Wahnsinn nahe. In seiner Verzweiflung wendet er sich wieder an den delphischen Gott. Dieser ver- spricht ihm im Tempel seiner Schwester in Tauris Rettung. Als Orest nach Tauris ge- kommen ist, glaubt er fest, der Tod sei die verheiſsene Rettung; denn er hat von dem Brauch gehört, daſs hier alle Fremden der Diana geopfert werden. Er will gern am Altare sterben, da ihm sein bisheriges Leben mit dem ihn beständig quälenden Schuldbewuſstsein unerträglich geworden ist. Er fühlt sich in diesem Gedanken schon beruhigter.—„Mit jedem Schritt wird meine Seele stiller“— sagt er zu seinem Freunde Pylades. Ja der Tod am Altare erscheint ihm schöner als der in seinem Hause übliche Meuchelmord.
Mit unnachahmlicher Kunst hat Goethe in dieser Scene das hilfreiche Eingreifen des Pylades geschildert.“) Wie Orest und Pylades als eins der schönsten Freundespaare des Altertums sprichwörtlich genannt werden, so hat Goethe uns in ihnen das Muster von Freunden gezeichnet. Unermüdlich bestrebt sich Pylades, den sinkenden Mut seines
¹) Es ist zu verwundern, daß in den Erklärungsversuchen der Heilung Orests nur selten— soweit meine Kenntnis wenigstens reicht— der Einwirkung des Pylades Erwähnung geschieht, obwohl Goethe selbst an einer Stelle, wo er sich über die Heilung des Orest äussert, den Freund mit der Schwester zusammen nennt als die, durch deren Einwirkung Orest geheilt wird. In der Italienischen Reise(II, 13. März 1787) heißt es: Angelica hat aus meiner Iphigenie ein Bild zu malen unternommen; der Gedanke ist sehr glücklich, und sie wird ihn


