Aufsatz 
Die Heilung des Orest in Goethes Iphigenie auf Tauris
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Die Heilung des Orest in Goethes Iphigenie auf Tauris. Von Dr. PAUL PRIMER,

Professor am Königlichen Kaiser-Friedrichs-Gymnasium

Zu

Frankfurt am Main.

·· ᷓÿ́ᷓ́ᷓ́ᷓͤh́ᷓn

Franz Kern sagt im Vorworte zu seiner SchriftDeutsche Dramen als Schul- lektüre ²): Sollten die Leser dieser Schrift Gesichtspunkte finden, von denen aus Tells Apfelschuſs und Orests Heilung als menschlich durchaus motiviert und psychologisch klar begründet erscheinen, so würde ich für eine belehrende Mitteilung darüber dankbar sein.

Was Tells Apfelschuſs anbelangt, so bin ich vollständig der Meinung des Verfassers. Ich habe auch die grôſsten Bedenken gegen die psychologische Begründung dieser That Tells. ³)

Hinsichtlich der Heilung des Orest aber bin ich anderer Ansicht wie der verdiente Gelehrte, und ich glaube nachweisen zu können, dafſs dieselbemenschlich durchaus moti- viert und psychologisch klar begründet ist.

Kern sagt(a. a. O. S. 23):Die Goethe'sche Iphigenie hat eine Scene, in welcher der mythische Stoff nicht bis zu eigentlich dramatischem Leben, d. h. bis zu voller psycho- logischer Verständlichkeit hat durchgeistigt werden können. Mit anderen Worten, Goethe hätte in der griechischen Dichtung die Sage von der Heilung des Orest vorgefunden und in sein Schauspiel mit herübergenommen. Sie sei aber unverständlich und keindichte- risches Abbild wirklicher Seelenvorgänge.

Nach meiner Ansicht sind es völlig überzeugende Wirkungen und Kräfte, die die Heilung des Orest vorbereiten, die eigentliche Genesung dann zu Wege bringen, und schlieſslich dazu beitragen, daſs dieselbe nachhaltig ist.

Orest selber bezeichnet in der letzten Scene seine Heilung als Wirkung der Berührung Iphigeniens, und daſs Goethe seiner Heldin den Hauptanteil daran hat zuteilen wollen, ist

¹) Die Litteratur, die zu einer Iphigenienlitteratur geworden, ist am besten zusammengestellt bei Goedeke, Grundriß zur Goethelitteratur, 1891, S. 671 u. f. Vergleiche auch das Gesamtregister der Goethe-Jahrbücher u. d. N. Iphigenie. ²) Berlin 1886, Nicolaische Verlagsbuchhandlung. ³) Ich habe mein Urteil über Schillers Wilhelm Tell ausführlicher niedergelegt in meiner SchriftStimmen gegen die Uberschätzung der Kunst, Programmabhandlung des Gymnasiums zu Weilburg v. J. 1887, S. 36. 1*