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Auch habe ich oft gesehen, wenn z. B. der Goethesche Egmont oder Schillers Maria Stuart oder ein ahnliches Stück im Theater gegeben wurde und mich jemand fragte, ob das Vorgestellte geschichtlich sei, und ich in dieser und jener Hinsicht es verneinte, dass sofort dem Betreffenden alle Illusion verschwand. Und das mit Recht. Denn was für schwanke, wesenlose Gebilde sind doch diese beiden Helden dieser hochgerühmten Trauerspiele. Die geschichtliche Maria war ein recht schlechtes Weib, die geschichtliche Elisabeth dagegen eine sehr verdienstvolle Königin. Aus ersterer macht Schiller aber eine schöne hoheitsvolle Heldin und aus letzterer eine abscheuliche, heuchlerische Gleissnerin. Wozu das alles? Schon Raumer hat gesagt, ¹) die geschichtliche Maria hätte viel besser unser Mitleid erweckt als die Schillersche. Ahnlich steht es mit Egmont. Auch Schiller fand den geschichtlichen viel tragischer als den dichterischen. Und er hat recht. Denn erregt es nicht viel mehr Mitleid, einen treuen Gatten, einen liebenden Vater unschuldig das Schaffot besteigen zu schen, als einen leichtlebigen, oder wie Schiller sagt, leichtsinnigen Licbhaber? Abgesehen davon, dass durch ein derartiges Abweichen von der geschichtlichen Wahrheit dem Volke ganz verworrene Begriffe von historischen Thatsachen beigebracht werden, schaden diese Tragödien, weil sie überhaupt das Leben schildern, wie es nicht ist, und uns eine Welt aufstellen, in der alles ganz anders erfolgt, als in der wirklichen. Indem die Tragödie uns fremdes Leid vorführt, uns rührt, ja uns Thränen in die Augen drückt, geben wir uns einem gefährlichen Mitgefühl hin, welches uns unthätig und mit der wirklichen Welt unzufrieden macht und uns mit dieser in Zwie- spalt setzat. Denn in dieser regiert nicht die Phantasie, sondern der Verstand und die Vernunft. Und wem schenken wir denn unser Mitleid? Welche Ausschweifungen des Herzens, welche Laster und Leidenschaften werden uns in glünzenden Farben geschildert und in schöner Hülle vorgeführt! Die Kunst des Dichters macht das Laster zur Tugend, den Schurken zum Helden, und giebt uns meist nicht die Welt wieder, wie sie ist, sondern nur täuschende Bilder einer phantastischen Welt, eines unnatürlichen, romanhaften Lebens.
Hiermit hängt eine andere Gefahr zusammen, welche darin liegt, dass zwischen der Kunst und der Wirklichkeit des Lebens bei uns kein natürliches Verhältnis, sondern eine bewusste Kluft besteht. Es sind meist nicht natürlich gegebene Zustände und Veranlas- sungen, bei denen wir die Kunst wahrnehmen, sondern meist künstlichen Veranlas- sungen und Veranstaltungen verdankt sie ihr Hervortreten. Anstatt dass sie mitten ins Leben tritt, ist sie bei uns Selbstzweck und dient, losgetrennt von den eigentlichen und natürlichen Anforderungen des Lebens, dem Unterhaltungsbedürfnis und dem Sinnenkitzel. Anstatt dass bei uns, wie bei den Griechen, da wo sie am Platze sind und hingehören, schöne Formen sich finden, ist die Wirklichkeit bei uns prosaisch, dagegen giebt es Museen und Bildergalerien, in denen die Werke der Kunst zusammengestellt sind, gleich- viel ob sie Zusammenbang haben, oder nicht. Welche Unnatur liegt doch allein in diesem Umstand! Welche Kluft entsteht dadurch zwischen Volk und Kunst! Wie ganz anders war es bei den Griechen, bei denen die Werke der Kunst mit dem wirklichen Leben in engster Beziehung standen und der frische Odem des Lebens sie hervorrief!
Und wie die bildenden Künste gerade in ihren besten Werken aus dem frischen Leben herausgerissen sind, so ist es auch mit den musischen. Wir sind gewohnt, bei musikalischen Aufführungen zu willkürlich gewählter Zeit und Stunde in schimmernden
— ¹) Gesch. Europas II, 46.


