Aufsatz 
Stimmen gegen die Überschätzung der Kunst / vom Gymnasiallehrer Paul Primer
Entstehung
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Konzertsälen jetzt durch einen Marsch in kriegerische, jetzt durch eine geistliche Arie in fromme, jetzt durch ein Opernbruchstück in irgend welche Theaterstimmung versetzt zu werden. Wem kommt heute noch das Verkehrte, das Unnatürliche dieses Umstandes zum Bewusstsein! Welchen Einfluss soll nun diese vom Leben losgetrennte, nur zu un- serer Unterhaltung geschaffene Kunst üben?

Und zu solchen Gebilden der Kunst sollen wir flüchten, um Trost und Linderung zu finden für die Wunden, welche uns unsere prosaische Wirklichkeit schlägt? Ja in ihnen werden wir Trost finden, das meint der Dichter, wenn er sagt,Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst. Mir scheint in diesen vielgepriesenen Worten selbst die Verurteilung der Kunst zu liegen. Wir leben nicht in einer Welt, aus der wir uns ungestraft in das heitere Reich der Kunst flüchten könnten. Denn das Leben ist ernst. Für die thätige wirkliche Welt ist derjenige verloren, wie Tieck sagt, welcher den süssen Kern der Kunst einmal recht ordentlich geschmeckt hat. Aus diesem Grunde ist auch der Standpunkt Goethes zu verwerfen, welchen er annimmt, wenn er im Westöstlichen Divan(I I.) singt:

Nord und West und Süd zersplittern, Patriarchenluft zu kosten! Throne bersten, Reiche zittern. Unter Lieben, Trinken, Singen Flüchte Du, im reinen Osten Soll Dich Chisers Quell verjüngen.

Wir haben nicht Zeit, wenn das Vaterland in Gefahr ist oder uns Unglück betroffen hat, duftige Lieder und Gedichte zu lesen oder uns eine Symphonie anzuhören. Sie helfen uns nichts; wir dürfen nicht ein schönes Bild betrachten, wenn die Sorgen des Lebens an uns herantreten. Je mehr wir für die Erdenmängel in den Gebilden der Kunst Trost suchen und Trost finden, je mehr wir aus dieser Welt fliehen und uns, um Trost zu suchen, in eine fremde phantastische Welt flüchten, desto mehr leiden wir Schaden an unserer Seele, und desto unbrauchbarer werden wir für das wirkliche Leben. Denn dieses, um es noch einmal zu sagen, ist ernst. Es stellt so viele Anforderungen an den Einzelnen, die sich nicht abweisen lassen, dass das ausgedehnte Treiben der Künste mit den Forderungen des Staatswohles und einem gesunden Völkerleben schlechterdings unvereinbar ist. Während nämlich ein gesunder Staat von seinen Unterthanen das Aufgeben der Einzelpersönlichkeit, die Verwertung des Einzelnen für den Zweck der Gesamtheit uud ernste Arbeit und Anstrengung fordert und fordern muss, erheischt die Kunst nichts so sehr wie Freiheit. Je mehr aber dem Einzelnen Freiheit gegeben wird, um Künste zu betreiben, desto mehr gehen Gemeinsinn und Vaterlandsliebe verloren, denn die Kunst birgt so viel lockendes, einschmeichelndes, genussreiches in sich, dass wir uns ihr lieber hingeben, als den strengen Anforderungen des Lebens. Deshalb ist auch der Vorwurf, welcher so oft unserem Staate gemacht worden ist, dass er für die Kunst so wenig thue, ein unverständiger. Es geschieht nicht aus Mangel an idealer Gesinnung, sondern aus bewusster Staatsklugheit.

Dass dieses schädliche in der Kunst selbst liegt, wage ich nicht zu behaupten; in der Schönheit liegt gewiss nichts schädliches. Aber so lange wir diesen transcendentalen Begriff des Schönen nicht kennen, selbst Kant, Winkelmann und Lessing haben nicht vermocht, eine Begriffsbestimmung des Schönen zu geben so lange die Künstler ihre subjektive Auffassung des Schönen zur Darstellung bringen und die Musen, welche unsere Künstler beseelen, nicht die rechten Musen, nicht die echten Töchter des grossen Zeus sind, so lange die Kunst überschätzt und im UIbermass betrieben wird, ist es noch an der Zeit zu rufen: videant consules, ne quid detrimenti capiat res publica.